Kultur

„Dässle Dee“ und „Käse-Häbbli“ bringen ihm Publikumslacher – doch harmlos ist dieser Pelzig (Frank-Markus Barwasser) nicht. (Foto: Dashuber)

30.04.2010

Erwin Pelzig entpuppt sich als gefährlicher Kotzbrocken

Frank-Markus Barwassers Bühnenerstling „Alkaid“

Den Staatsschutz möchte man nicht in der Wohnung haben – egal ob in personam oder via „Wanzen“. Aber Erwin Pelzig, wie er nun am Staatsschauspiel in Alkaid. Pelzig hat den Staat im Bett zu erleben ist, ist als Nachbar auch nicht angenehm: Er ist einer jener Zeitgenossen mit zu viel Zeit, die er hinter der Gardine verbringt. „Der liebe Gott sieht alles“, hat ihm seine Mutter eingebleut – und da hat er sich entschieden, einfach zurückzuschauen. Selbstlegitimiert stiert der Hobbyastronom nicht nur in den Nachthimmel, sondern auch in die Fenster der Mitmenschen. Und zelebriert genussvoll das Sich-zusammen-ahnen, was sein könnte. Als dann zwei Kripo-Beamte in seiner auf Zweckmäßigkeit im kleinkarierten Design reduzierten Wohnung (Bühne: Ioanna Pantazopoulou) Stellung beziehen, um den Herren mit dem arabischen Namen von Vis-à-vis zu beobachten, ist das für Pelzig wie ein Aha-Erlebnis: So also schaut professionelles Bespitzeln aus – seine moralische Entrüstung ist eine scheinbare. Mit dem Richtmikrofon in der Hand bekommt sein eigener Voyeurismus eine neue Dimension – er versucht sich als Schicksalslenker. Dieser Anflug von Größenwahn macht aus dem mit vermeintlicher Naivität kokettierenden Charmebolzen, der sich in ansich schon unernstem breitem fränkischen Idiom mit philosophischen Winkelzügen durch den Alltag denkt, einen zeitweiligen Kotzbrocken. Und so sehr man sich daran gewöhnt hat, diese von Radio, Kabarett und Film bekannte Kunstfigur ob ihrer Gewieftheit, „dem System“ wenigstens gedanklich und verbal ein Schnippchen zu schlagen, als Alter Ego zu vereinnahmen, so sehr muss man auch diesen Pelzig mit seiner Schattenseite annehmen, und dass heißt nicht, dass man ihn nicht mehr mag: Es ist halt der fiese Pelzig in uns allen, der von Übervorsicht getrieben gar noch gefährlicher werden kann als der Staatsschutz. Schade, dass Frank-Markus Barwasser in seinem Bühnenerstling – selbstverständlich mit sich selbst in der Hauptrolle, Regie führte Josef Rödl – dieses Rollenprofil nur halbherzig verfolgt. Gefälliges philosophisches Sprücheklopfen („Es geht nicht darum, dass etwas ist, sondern dass etwas sein könnte“) gaukelt eine tiefere Personencharakterisierung vor – nicht nur Pelzigs, sondern auch seines Freundes und Beschattungsopfers Dr. Sami Youssef (Gerd Anthoff). Von den anderen Stichwortgebern für Pelzig ganz zu schweigen: Die LKA-Beamtin Winter (Barbara Melzl) ist derart anspruchslos überzeichnet, dass sie weder Angst verbreitet, noch als Parodie einer Funktionsträgerin amüsiert, sondern einfach nur nervt. Ihr Untergebener Ranninger (Felix Rech) darf zwar als gehörnter Ehemann verzweifeln und am Job zweifeln – das bleibt aber ein nettes Solo neben anderen, etwa der Hilde von Strombeck gespielten Mutter der LKA-Beamtin, die sich ebenfalls der Überwachung entzieht indem sie ständig aus dem Heim ausbüxt. Lauter netten Einzelideen fehlt letztlich die konsequente dramaturgische Zuspitzung – die kann auch hektisches Türenschlagen nicht ersetzen. Der kurze Showdown mit Aneinandervorbeireden und Outing im Schlagabtausch beendet das Dahinplätschern. Und Pelzig sitzt wieder unterm sternenübersäten Nachthimmel – die lange herbeigesehnten Zeichen verpasst er. Was bleibt, ist die Ahnung, dass Alkaid durchaus das hochexplosive Zeug hat, ein komödiantisches Zeichen zu setzen, um das in den Irrwitz getriebene Zusammenspiel zwischen Angst und Schutzbedürfnis vor dem Terrorismus, dem Staat, und vor dem Fiesling in einem selbst zu zeigen. Es bleibt auch die Ahnung, dass Frank-Markus Barwasser zu sehr davor zurückschreckt, seinen Helden aus der Unverbindlichkeit herauszuschälen – weil er sonst vielleicht nicht mehr multimedial funktioniert.

(Karin Dütsch)

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