Kultur

Byzanz aus der Vogelschau (1572/74). (Repro: Gerald Raab)

15.07.2011

Exotisches vor der Haustür

Die Staatsbibliothek in Bamberg zeigt in einer wunderbar konzentrierten Schau, wie die Reiseliteratur das Bild der Erde prägte

Anlässe zu reisen gibt es viele: Neugier und Lust, aus dem Alltag auszubrechen, Bildungshunger, Wallfahrten, der Handel, Krieg, Vertreibung und Flucht ... Und wenn einer eine Reise tut, dann kann er nicht nur viel erzählen, son- dern bringt auch Erinnerungsbilder mit. Solche Erdan- sichten aus der Zeit zwischen 1500 und 1800 zeigt derzeit die Staatsbibliothek Bamberg in ihrer Schatzkammer.


Alle Wege führen nach Rom – auch ins fränkische Rom, in die Siebenhügelstadt Bamberg. Eine sinnige Klammer hat die dortige Staatsbibliothek um ihre Schatzkammerausstellung ERD-Ansichten. Reisen in die Welt 1500 – 1800 gesetzt: hier die Stadt am Tiber aus der Vogelperspektive mit einer idealisierten Darstellung all der herausragenden antiken Monumente – dort der Zweidlerplan mit der ersten kartografisch erstaunlich detaillierten Darstellung der Stadt an der Regnitz.
Ehrlicherweise: Diese Reproduktion nimmt man erst am Ende des Ausstellungsrundgangs wahr, hat man sie beim Betreten der schützend-spärlich beleuchteten Schatzkammerräume doch zunächst im Rücken. Aber auch das ist Ausstellungsdidaktik, entspricht dem roten Faden der wunderbar konzentrierten Schau, die Andreas Dix (Lehrstuhl für Historische Geographie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) im Rahmen der Ausstellungsinitiative „Erde“ des Bezirks Oberfranken kuratiert hat: Erst die Reise in die Ferne schärft den Blick für das Besondere der Nähe.
Rom, die ewige Stadt, galt der Christenheit als ihr Zentrum – neben den legendären kirchlichen Bauten lockten die vielen Zeugnisse der Antike zu einer Zeitreise zurück zu den Wurzeln europäischer Kultur. Eine solche Reise musste man allerdings gar nicht mal im physischen Sinne antreten: Die Rom-Ansicht aus dem sechsbändigen Städtebuch Civitates orbis terrarum von Georg Braun und Franz Hogenberg, das zwischen 1572 und 1618 herausgegeben wurde, war in ihrer Darstellung eher eine auflistende Zusammenschau für den (wegen dieser kolorierten Ausgabe sicher wohlhabenden) Betrachter zu Hause denn ein praktisches Vademecum, das die Orientierung durch das Straßengewirr vor Ort erleichtern sollte.

Im Zeichen des Kleeblatts

Solch idealisierten Ansichten nicht nur von Städten, sondern gleich von der ganzen Erde mit ihren Kontinenten begegnet man häufig, so auch in einem Buch (1588) des evangelischen Theologen Heinrich Bünting: Die Ansicht von Jerusalem im Zentrum der Erdteile Europa, Asien und Afrika, die zu einem Kleeblatt angeordnet sind, ist sinnbildlich und nicht als Dokument mangelnder kartografischer Kenntnis zu interpretieren.
Anders der Stadtplan von Bamberg, den der Landmesser Petrus Zweidler anno 1602 anfertigte: Freilich ist die Stadtübersicht, würde man nach heutigen Vermessungsmethoden erstellte Pläne darüberlegen, kein geometrisch exaktes Katasterwerk – vor allem die „Kavaliersperspektive“ sorgt für Verzerrungen. Aber so detailreich wie Zweidler Haus um Haus darstellte, wie er das Netz von Gassen- und Straßenverlauf festhielt, das erlaubt noch heute einen imaginären Spaziergang mit hohen Wiederkennungschancen.
Apropos Spaziergang: Ein hinreißendes Aquarell steht für den Impetus, sich die Erde nicht nur vom Sessel aus anzuschauen, sondern indem man tatsächlich physisch fortschreitet. Schier unbekümmert, mit weit ausholender Geste schlendert ein französischer Offizier vom Betrachter weg gen gewölbten Horizont; keine Silhouette suggeriert ein baldiges Ankommen – der Weg in die ungewisse Ferne ist das Ziel.
Das Blatt aus einem Stammbuch um 1617, das eine zeitgenössische Kostümstudie von Jacques Callot zitiert, birgt in dieser Interpretation allerdings einen Widerspruch: Wohl kaum wird der aus bloßer Neugier Alleinreisende in militärischer Kleidung unterwegs gewesen sein. Das verweist auf einen anderen Anlass zu reisen: Kriege haben ganze Heere rund um den Erdball in Bewegung gesetzt. Erinnerungen in Wort und Bild an erlebte Landschaften, Orte und Begegnungen mit Menschen prägten in der Heimat das Bild fremder Länder. Solche Ansichten hatten auch ganz praktischen Wert, werden doch gerade militärische Anlagen detailreich wiedergegeben, sei es beispielsweise der Grundriss der venezianischen Festungsstadt Palma Nova (1640) oder eine Ansicht des dänischen Fort Fredensborg an der Goldküste Westafrikas (1769).
Mit dem Krieg einher geht die erzwungene Reise. Für ein solches Schicksal steht der ungewöhnliche Bericht des Hans Wild: Der Nürnberger war zwischen 1604 und 1611 Kriegsgefangener und Sklave im Osmanischen Reich; er kam viel herum – seine späteren Schilderungen waren lange Zeit eine wichtige Quelle für Einblicke in die muslimische Welt aus erster Hand.
Bedeutende Informanten ebenso wie „Nutzer“ von Erdansichten waren vor allem Kaufleute. Für Handelsrouten waren genaue Kenntnisse von Landschaften, Orten und über potenzielle Handelspartner gefragt. Der deutsch-niederländische Kaufmann Evert Isbrand Ides beispielsweise schilderte seine Reise an den exotischen Hof in Peking; in der Ausstellungsvitrine aufgeschlagen ist eine Ansicht der Chinesischen Mauer, deren Wuchtigkeit erst im Größenvergleich mit der Reisegruppe davor so richtig imponiert (1704).
Freilich war es nicht jedem Kaufmann gegeben, veröffentlichungswürdig zu berichten. Arnold van den Berghe spezialisierte sich deshalb darauf, solche Informationen zu sammeln, vom Schreibtisch aus zu bearbeiten und herauszugeben. Gerade das, was er über das für Europäer so gut wie nicht zugängliche Japan publizierte, fand reißend Absatz. Traurige Parallele zu heute: Ein Kupferstich von 1669 zeigt das durch Erdbeben und Vulkanausbrüche verwüstete Tokio („Edo“).
Ähnlich wie Berghe verfuhr der Amsterdamer Reiseschriftsteller Olfert Dapper, der alles zusammentrug, was er über Afrika erfahren konnte: Heraus kam die erste umfassende Beschreibung des Kontinents (1670) mit schönen Bildern, unter anderem vom Königspalast in Marokko.

Aufträge an Profis

Handelskompanien schickten auch von sich aus professionelle Reise-Schriftsteller wie den Niederländer Joan Nieuhof in die Ferne, dessen Beschreibungen und Bilder von China (1669) gleich in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Adam Olearius wiederum war ein Hofbeamter, der sich einem Handelstross anschloss: Er war einer der ersten, der seine Erkundungen des fernen Safawiden- Reiches in Isfahan und die Veröffentlichung seiner Beobachtungen systematisch betrieb – und einer der Pioniere der Reise-Ratgeberliteratur ist.
Der Schritt zur wissenschaftlichen Reise, zur Expedition liegt nahe: An einer solchen in den russischen Osten nahm der aus Bad Windsheim stammende Georg Wilhelm Steller 1737 teil; ihm verdankt man Bilder einer dramatischen Landschaft samt Vulkanausbruch auf der Halbinsel Kamtschatka. Nach Sibirien führten 1770 und 1772 zwei Expeditionen, von denen Johann Gottlieb Georgi nicht nur Bilder von dort lebenden Menschen in ihren Trachten mitbrachte, sondern auch exakte Vermessungen des Baikal-Sees.
Der Palast des Dalai Lama in Lhasa, die indische Stadt Masulipatam, das Innere der Pyramiden von Gizeh, der Persische Golf, die Bucht von San Francisco, Kuba, Jamaica, Haiti und gar die Insel Pitcairn, die später durch die Meuterer von der Bounty berühmt werden sollte – und dann die vertrauten Giebel von Heiligenstadt (1796): Vor der eigenen Haustür endet der Streifzug durch die Geschichte der Reiseliteratur, an der sich die bildliche Eroberung der Welt ablesen lässt.
War die Fränkische Schweiz mit ihren bizarren Felsen nicht minder spannend zu erforschende „Terra incognita“ als Eilande auf der anderen Erdhalbkugel? In der Romantik wurde es en vogue, die eigene Heimat mit den Augen eines Forschungsreisenden zu erwandern. Vielsagend ist in dieser Hinsicht die Darstellung einer Höhlenbegehung (1796) in der Fränkischen Schweiz, die als besonders bizarre Landschaft zum beliebten Reiseziel aufstieg.
Dass Bamberg „fränkisches Rom“ genannt wird, rührt aber nicht erst aus dieser Zeit „romantischer“ Eroberungszüge her: Schon Heinrich II. nobilitierte „seine“ Kaiserstadt derart als herausragendes kirchliches Zentrum, zumindest in seinem eigenen Herrschaftsbereich. Dass auch heute noch zwar nicht alle, aber doch die Wege ausgesprochen vieler Touristen nach Bamberg führen, ist gerade derzeit vor der Staatsbibliothek auf dem Bamberger Domberg zu beobachten. Und dass Reisende aus aller Herren Länder dann auch den Weg über den Platz in die Residenz zur Ausstellung ERD-Ansichten finden, kann man im Gästebuch studieren, das gleich unter dem Zweidlerplan ausliegt. (Karin Dütsch)

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