Kultur

Wie man mit reinen Farben Lichteffekte bewirken kann, beschäftigte besonders auch August Macke. „Hirte mit Tieren“ (um 1912) malte er hinter Glas. Hier ein Ausschnitt - die Gesamtansicht finden Sie im Beitrag. (Foto: Simone Bretz)

10.11.2017

Expressionistische Explosionen

Das Stadtmuseum Penzberg zeigt Hinterglasbilder der vergangenen 100 Jahre

Der Ausstellungstitel Tiefenlicht klingt nach schimmerndem Geheimnis und ungewohnten Kunstwelten. Unter diesem Schlagwort zeigt das Stadtmuseum Penzberg zum ersten Mal Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter. Mit dieser Malerei, die man hauptsächlich von Votivgaben her kennt, trifft das Museum mitten hinein in die Erforschung und Diskussion einer Technik von ungewöhnlicher Strahlkraft der Farben. Denn ausgehend von der Penzberger Heinrich-Campendonk-Sammlung und einem Forschungsprojekt zur Restaurierung von Hinterglasbildern trifft das Museum mitten hinein ins diesjährige oberbayerische Schwerpunktthema Das Blaue Land hinter Glas.

Die Penzberger Ausstellung zeigt Hinterglaskunst aus gut 100 Jahren. Sie thematisiert die wissenschaftliche Aufarbeitung der Technik und ihre Verbreitung und lässt das Publikum staunen über die Schätze, die plötzlich aus privaten und öffentlichen Sammlungen zutage kommen – besonders aber über Tiefenlicht und Leuchtkraft, die diese Arbeiten ausstrahlen.

Erster Höhepunkt

Dramaturgisch geschickt gestaffelt fängt die Schau mit der Epoche an, als die moderne und säkulare Hinterglaskunst ihren ersten Höhepunkt hatte: im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts. Denn damals haben auch die Künstler des „Blauen Landes“ sie für sich entdeckt – allen voran Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. Aber auch Maler wie Walter Dexel, der mit seiner Stadt am Morgen (1921) geradezu programmatisch den Reigen eröffnet. Oder Nell Walden, Carlo Mense, die auf den religiösen Ursprung der Hinterglasmalerei rekurrieren oder auf das besondere Zentrum, das Waldens Gatte Herwarth in seiner Berliner „Sturm“-Galerie ausbildete.

Hinterglasmalerei, das ist zu dieser Zeit nicht mehr die farbige Gemütlichkeit im Herrgottswinkel, sondern expressionistisch explodierende Farbigkeit, bauhausartige Abstraktion – überall mit der typischen, faszinierenden Leuchtkraft, die diese Technik entwickeln kann. Die zeigt sich sogar in den düsteren Arbeiten von Josef Mader mit ihren Bronzefarben oder dem dunklen Hintergrund, aus dem Gottfried Brockmanns Katze mit ihren Augen gespenstisch herausleuchtet.

Die Vielfalt der technischen und thematischen Möglichkeiten von Hinterglasmalerei blättert die Penzberger Schau bis zum Ende des 20. Jahrhunderts auf. Deutlich werden die beiden regionalen Schwerpunkte Nordrhein-Westfalen (wohl auch durch den Einfluss Campendonks) und Südbayern.

Hinterglaskunst heute

Im dritten Stock unterm Museumsdach dann die vom Publikum umlagerten Höhepunkte der Ausstellung: Bernd Zimmer als besonders prominenter Gegenwarts-Glaskünstler (Cosmos), die Collagen von Fride Wirtl-Walser mit ihren skripturalen Celan-Elementen. Von größter Farbkraft aber sind die Aladin-Arbeiten (2010) Gerhard Richters: Lack hinter Glas, opalisierende Farbschlieren, minimalistische Muster, leuchtendes Lapisblau – ein Farbkaleidoskop.

Genauso wie bei den Arbeiten von Heinrich Campendonk in ihrer surrealistischen Gegenständlichkeit. Die Ausstellung vermittelt durch ein großformatiges Foto aus dem Damensalon des Hotels Duisburger Hof einen suggestiven Eindruck, wo Campendonks Bilder Stillleben mit Fischglas, Spielkarten und Vase oder Kakadu und Maske 1926 hingen. Die Originale hängen jetzt daneben – Leihgaben kamen selbst aus dem kanadischen Toronto.

Das Material Glas kam Campendonks Interesse an gesteigerter Farbwirkung entgegen: Es ermöglicht das Phänomen des Tiefenlichts. Dessen Schichten kann man auf einem Touchscreen-Medientisch erkunden, die Mitarbeiter des Museums stehen mit sachkundigen Erklärungen bereit: eine angenehme Art von Kunstvermittlung. Sie versäumen es auch nicht, einen noch eine Stiege weiter nach oben zu schicken. Das lohnt sich, denn dort hängt mit From Dawn till Dusk – Coloured City von Marina Herrmann eine in wechselndem Licht des ganzen Tages changierende Rauminstallation von etwa 20 Folienbahnen, die das Thema Hinterglas überzeugend weiterführen. (Uwe Mitsching)

Information: Bis 7. Januar. Museum Penzberg – Sammlung Campendonk, Am Museum 1, 82377 Penzberg. Di. bis So. 10-17 Uhr.7 Uhr

 

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