Kultur

Betörende Magie: Elsie de Brauw als Müll-Frau Estamira mit einem der Kobolde (Romeu Runa). (Foto: Julian Röder)

24.01.2014

Exzess der Dekadenz

"Tauberbach" an den Münchner Kammerspielen: großartige Liturgie der Ausdrucksformen

München gilt als deutsche Hauptstadt von Prunk und Luxus. Aber selbst hier ward dergleichen lange nicht gesehen: Ein solcher Exzess der Dekadenz, wie er über die Bühne ging, müsste eigentlich als totale Provokation wirken – aber das Premierenpublikum in den Münchner Kammerspielen entschloss sich zum konzertierten Missverstehen. In einem frenetischen Beifallssturm jubelte es die Uraufführung von Alain Platels Tauberbach so gnadenlos nieder, dass alle Irritation verpuffte – auch wenn der Beifall berechtigt war.
Was also gab es zu sehen an diesem denkwürdigen Abend? Vordergründig ein Gesamtkunstwerk aus Sprech- und Körpertheater, Tanzperformance sowie Musik von Johann Sebastian Bach. Eine hochkulinarische, hochsubtile, großartig artifizielle Liturgie der Ausdrucksformen, eine synästhetische „Multimedia-Show“ für Connaisseure der Artikulation und kunstbewussten Durchformung, die stellenweise berauschende Züge annahm.

Theatraler Drogen-Trip

Das „inhaltliche“ Substrat dieses theatralen Drogen-Trips ist weniger luxuriös: Das Stück basiert auf einem Dokumentarfilm über die schizophrene Estamira, die in Brasilien auf einer Müllhalde lebt. Elsie de Brauw spielt konträr zum Klischee der „verrückten Heiligen“ die Müll-Frau als bodenständige Praktikerin. Wenn ihre Stimme verzerrt aus dem Lautsprecher nachhallt, wird diese akustische Persönlichkeitsspaltung sofort als Verfremdungsgebärde Teil der klanglich-rhythmischen Gestalt dieser Aufführung – so wie die eingespielten Bach-Kantaten, die ein Gehörlosen-Chor intoniert (daher: „Tauber Bach“), was die vertraute Musik mit gespenstisch verquollenen Gesangslauten kombiniert.
Dann gibt es die fünf Tänzerinnen und Tänzer: Bérengère Bodin, Lisi Estaras, Ross McCormack, Elie Tass und Romeu Runa sind die Kobolde des Wahns, die Estamira heimsuchen, aber auch die gellend-tragikomische Manifestation ihres Empfindens. Sie zittern, raufen, schnaufen, gehen sich an die Wäsche und zucken spastisch zum berühmten Air von Bach, so dass ihre linkisch verrenkten Körper Estamiras Bekenntnis nachstottern: „I do not agree with life“.
Die Frivolität dieses Abends liegt nicht in den halbnackten Tanz-Leibern; die gleichen mit ihrer durchtrainierten Perfektion eher griechischen Göttergestalten. Nein, das Skandalon ist der radikale Ästhetizismus. Egal ob Wort, Bewegung, Musik: Alles ist Gestus, lautet das (richtige) Credo dieser Bühnen-Aktion. Auch das Brummen der fetten Fliegen aus den Lautsprechern hat diese gestische Qualität. Und da beginnt das Problem: Die „Müllhalde“ im Theater ist eben bloß ein malerisch-bunter Altkleider-Berg, in den man sich gefahrlos plumpsen lassen kann. Dieser geruchlose Spielplatz simuliert nur eine Müllkippe, bei deren Gestank jedem sofort übel würde.
Die Obszönität, ja das Sakrileg von Tauberbach besteht darin, dass hier das poetische Potenzial von Elend und Gebrechen abgeschöpft und zur hochkarätigen Pretiose veredelt wird. Der perverse Reiz dieser Performance ist es, dass gerade die ostentative Vorführung ästhetischer Ausbeutung ein Kunstwerk von betörender Magie erzeugt. (Alexander Altmann)

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