Kultur

Tänzerischer Schwung: Das Blatt "Le Cheval l´écuyère et le Clown" aus der Mappe "Jazz" (1947) von Henri Matisse. Tériade, ein bekannter griechisch-französischer Kunstverleger, publizierte das Künstlerbuch im Jahr 1947. (Foto: Succession H. Matisse/Vg Bild-Kunst)

02.01.2015

Farbsignale aus der Nachkriegszeit

Das Franz Marc Museum in Kochel zeigt, was Henri Matisse und Rupprecht Geiger auf das Grau der Nachkriegszeit antworteten

Aus dem Unterstand und Schützengraben des Ersten Weltkriegs gibt es von Franz Marc nur Bleistiftzeichnungen aus Skizzenbüchern. Deshalb zeigt sein Museum in Kochel jetzt die Kraft der Farbe: nicht die bei Marc, sondern in einer interessanten Gegenüberstellung bei Henri Matisse und Rupprecht Geiger. Und auch nicht als Reaktion auf dem ersten, sondern auf den Zweiten Weltkrieg.
Die Chance einer Neuorientierung, die Franz Marc durch seinen Kriegstod 1916 nicht mehr hatte, die haben Geiger und zuvor schon Matisse genützt: gegen das Grau in Grau, gegen zerstörerische Erinnerungen, gegen überkommene Traditionen – und das in durchaus individuell geprägten Positionen. Aber doch im Rahmen der großen Welle der Wahrnehmung, die für alle Arten von Kunst nach Krieg und Abschottung losbrach.

Meister der Abstraktion

Das Museum zeigt zwei Grafikmappen, 15 Jahre voneinander getrennt und irgendwie doch auch als Wiederaufleben der intensiven deutsch-französischen Kunstbeziehungen, wie sie vor dem Ersten Weltkrieg Delauney so beispielhaft vorlebte. Die „Table des Images“ als Inhaltsverzeichnis seiner Mappe Jazz von 1947 hat Matisse selbst geschrieben und gezeichnet, hat säuberlich die Namen der 20 Blätter vermerkt.
Deren lange Reihen schreitet man jetzt ab wie ein Matisse-Musterbuch: die Einfachheit der reduzierten Formen, den tänzerischen Schwung, die Leuchtkraft der Farben. „Papierschnitte“ sind das: Deren Prinzip ist am lebhaftesten sichtbar in dem wunderbar poetischen Begräbnis des Pierrot – einem Blatt, das die Verbindungen zur französischen Nachkriegsliteratur und ihre oft graziöse Grundhaltung wachruft. Blassblaue Lagunen erstrecken sich daneben zwischen fantastischen Formen-Inseln: Hier dominiert die formale Einfachheit, wie man sie aus der Matisse-Kapelle von Vence kennt.
Dagegen war Rupprecht Geiger mit seinen Serigrafien AER und PYR für eine Münchner Galerie noch viel mehr in der Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkriegs befangen: einer Spur, die er in der grauen Ruinenlandschaft Münchens wahrnahm und der er bis zum Ende seines malerischen Werks folgte. Luft und Feuer sind gemäß den Namenskürzeln in eine einfache, oft gleichbleibend abstrakte Form umgesetzt. Die Konturen sind wichtig, die Fortsetzung in die Unendlichkeit, die Vitalität, die sich aus dem Zusammentreffen von Form und Farbe ergibt: Dem würde jede ornamentale Zutat wie bei Matisse nur schaden.
Intensiv brennt einem die glühende Sonne mit ihrer Corona entgegen, die blaue Variante empfindet man als kühle Mondscheibe. Raffiniert nuanciert sind die Farben (Filzstift auf Acryl und Pappe). Und der große Meister der Abstraktion hat auch dazugeschrieben, welcher ebenso wichtige wie triviale Anlass ihn zu solchen „Farberlebnissen des noch nie Gesehenen“ gebracht hat: etwa zum Rot eines Lippenstifts, der in einem US-Care-Paket enthalten war. „Die Farbe hat ein Signal gegeben“, schreibt Geiger. Das könnte auch über der ganzen Ausstellung stehen, die im Franz-Marc-Museum Kochel offenbar viele Leute sehen wollen.
(Uwe Mitsching)

Bis 28. Februar. Franz Marc Museum, Franz Marc Park, 82431 Kochel.
Di. bis So. 10 – 18 Uhr.
www.franz-marc-museum.de

Abbildung:
Etwa ein roter Lippenstift löste in Rupprecht Geiger „Farberlebnisse des noch nie Gesehenen“ aus, wie er schrieb. Hier ein Blatt aus seiner Mappe PYR. (Foto: BG Bild-Kunst)

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