Kultur

Zehn Millionen verbreitete Exemplare erreichte Hitlers dumpfes Machwerk. (Foto: NS-Dokumentationszentrum)

30.05.2014

Fatale Entwicklung

Hermann Glasers neues Buch über Hitlers "Mein Kampf"

Adolf Hitlers Mein Kampf ist wie kaum ein anderes Buch zu einem Mythos des 20. Jahrhunderts geworden. In zehn Millionen Exemplaren verbreitet, seit dem Ende des nationalsozialistischen Staates und seines „Führers“ verboten, geistert es als geheimnisumwitterter Inbegriff der Nazi-Ideologie durch die deutsche Geistesgeschichte und durch die Köpfe von Menschen, die zwar davon gehört haben, es aber nie in der Hand hatten oder gar gelesen haben; obwohl es in Bibliotheken, Antiquariaten und im Internet zugänglich ist.
Wenn im nächsten Jahr die Rechte, die beim Freistaat Bayern liegen, auslaufen und das Buch beliebig verwertet, und vermarktet werden kann, droht womöglich eine Flut von Nachdrucken, von denen wohl nicht zuletzt der Rechtsradikalismus und die Neo-Nazis profitieren werden.
Zwar ist auch eine kritisch kommentierte Ausgabe vom Institut für Zeitgeschichte in München geplant, aber es fragt sich, ob man Hitlers Machwerk mit Fußnoten, Literaturverweisen und wissenschaftlichen Anmerkungen begegnen kann. Hermann Glaser, langjähriger Nürnberger Kulturreferent und renommierter Publizist, wendet sich vehement gegen eine solche Edition – mit Gründen, die er ausführlich und wortgewaltig darlegt: sein neues Buch Adolf Hitlers Hetzschrift ,Mein Kampf’ versteht sich – so der Untertitel – als „Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus“.

Aus den Kloaken des deutschen Ungeistes

Glasers ideologiekritisch argumentierende These: Hitlers Mein Kampf kann man nicht kommentieren, sondern muss man dekuvrieren. Folgerichtig stellt Glaser Hitlers Weltanschauungs- und Propagandaschrift, eine „Ansammlung von wüsten Schimpftiraden, eine trübe Suada aus den Kloaken des deutschen Ungeistes“, in die Tradition einer (Fehl-) Entwicklung des sogenannten deutschen Geistes, die bereits im 19. Jahrhundert angelegt war. Der Nationalismus und Chauvinismus einer deutschen Klein- und Spießbürgerlichkeit, gepaart mit einem weit verbreiteten Antisemitismus und Rassismus, legten die Fundamente für die Psycho-Pathologie der deutschen Gesellschaft, aus der erst die von Ressentiments und Obsessionen, Vorurteilen und Klischees geprägte und ideologisierte Weltanschauung Hitlers entstehen konnte. In seinem dumpfen Machwerk Mein Kampf schlug sie sich ebenso nieder wie in der 1930 erschienenen Kampfschrift des Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg, in Mythus des 20. Jahrhunderts.
„Wie ein Schwamm,“ schreibt Glaser, „hat Hitler, zuerst in Wien, dann in München, die weit verbreiteten Ressentiments aufgesogen und genutzt. Dazu beschränkte er sich auf wenige Themen, die er (in Mein Kampf, Red.) ständig wiederholte. Deshalb genügen zur Illustration seiner Lügen und Wahnideen Auszüge aus Mein Kampf“.
Also schlägt Glaser vor, statt einer kompletten Neuausgabe, die sich in ihren Kommentaren und Fußnoten beschränken müsse, um nicht auszuufern und sie damit, etwa für Schüler, unlesbar zu machen, nur die wichtigsten und zentralen Kapitel von Mein Kampf zusammenzufassen, diese dann aber ausführlich zu erläutern und die Traditionslinien in die deutsche Mentalitätsgeschichte offen zu legen.
In seinem Buch tut Glaser das an Beispielen aus Mein Kampf, legt die Wurzeln bloß und zerpflückt das ideologische Gespinst aus billiger Rhetorik und „gesundem Volksempfinden“. Denn Hitler, der Nationalsozialismus und die Nazis sind nicht vom Himmel gefallen. Die Mediokrität des „Hitlerismus“, diese Mischung aus plumper Propaganda und dumpfer, deutsch-tümelnder Programmatik, wie sie sich in Mein Kampf niederschlug, ist der Gipfel einer fatalen historischen Entwicklung, die im Zivilisationsbruch des Holocaust und des von Hitler angezettelten Zweiten Weltkriegs kulminierte. (Fridrich J. Bröder)

Das Buch wird am 4. Juni in einer öffentlichen Podiumsveranstaltung im NS-Dokumentationszentrum Nürnberg, vorgestellt. www.museen.nuernberg.de/dokuzentrum

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