Kultur

Erstmals stemmten die Bamberger Symphoniker das Pekinger Neujahrskonzert. (Foto: Metzner)

10.01.2014

Fernöstliche Morgenröte

Die Bamberger Symphoniker beschließen ihr erfolgreiches Jahr mit dem Neujahrskonzert in Peking

Wer in die Große Halle des Volkes möchte, muss sich in Geduld üben. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Den Pass muss man in der Tasche haben – Flüssigkeiten, Lebensmittel und Haarspray müssen draußen bleiben. Wer sich nicht daran hält, bekommt Ärger mit Sicherheitskräften. Und die sind in China bekanntlich nicht zimperlich. „Bitte vermeiden Sie jeglichen Konflikt und kooperieren Sie“, wurden die Bamberger Symphoniker vorsorglich gewarnt, als sie nach Peking reisten – zu Silvester, um dort das Neujahrskonzert in der Großen Halle beim Platz des Himmlischen Friedens zu geben. Seit 17 Jahren pflegt man dort diese Tradition nach europäischem Vorbild, die Orchester wechseln sich ab.
Das jetzige Gastspiel der Bayerischen Staatsphilharmonie aus Franken unterstrich den exzellenten Ruf, den die Bamberger unter Chefdirigent Jonathan Nott international genießen.
Für Peking setzte man Antonín Dvoráks Sinfonie Nr. 9 aufs Programm: „Weil das Werk in China äußerst populär ist und zugleich die böhmischen Wurzeln unseres Orchesters unterstreicht“, erklärt Orchestermanager Markus Stratmann. 1946 war das Orchester von Prag nach Bamberg geflohen.
Oft gespielt – und doch kann auch ein so populäres Werk wie Dvoráks Neunte überraschend anders klingen. Statt die Höhepunkte auszuschlachten und mit triefendem Pathos zu überwältigen, haben Nott und die Bamberger die Farben und Strukturen äußerst differenziert freigelegt.

Hellwaches Publikum

Die Reaktion im Publikum war erstaunlich: Schon in der „Hall of the Central Nationalities Song and Dance Ensemble“, wo am 30. Dezember ein erstes Konzert stieg, lauschten die Hörer gebannt. In der Großen Halle des Volkes war das nicht anders. Überrascht wirkten die über 6000 Besucher, weil sie offenbar das Werk so noch nicht gehört hatten.
Die Große Halle des Volkes, wo das Neujahrskonzert aufgeführt wird, ist das chinesische Parlament. Diesmal gab es eine Neuerung: Weil derzeit in China landesweit gegen Bestechung und Bestechlichkeit vorgegangen wird und viele Politiker bereits verhaftet wurden, hat der Sponsor des Neujahrskonzerts erstmals alle Karten im freien Verkauf angeboten. „Als ich vor rund zehn Jahren an einem solchen Neujahrskonzert mitgemacht habe, saßen vor allem gelangweilte Politiker im Saal“, erinnert sich Geigerin Angela Stangorra; seinerzeit war sie Mitglied beim Saarländischen Rundfunk. Diesmal sah sie im Publikum nicht gähnende Politiker, sondern hellwache „normale“ Bürger.
Mit ihrer Interpretation von Dvoráks Neunter haben die Bamberger Symphoniker nun auch in Peking Traditionen und Hörgewohnheiten nicht konserviert, sondern geöffnet und weiterentwickelt. Das ist das Geheimnis ihres Erfolges. Das Neujahrskonzert in China war der krönende Abschluss eines überaus erfolgreichen Jahres 2013. Mit den Sinfonien Nr. 6 und 8 sind jetzt beim Label Tudor die zwei letzten Teile des großen Mahler-Zyklus’ auf CD erschienen. Seit 2003 haben die Bamberger dieses gewaltige Projekt realisiert – Jonathan Nott hat aus den Bambergern ein Mahler-Orchester erster Güte geformt. Zudem hat das Orchester 2013 beim Lucerne Festival in der Schweiz mit dem konzertanten Ring des Nibelungen bewiesen, dass es auch Richard Wagner glänzend beherrscht – obwohl der wahrlich nicht zum Kernrepertoire eines Sinfonieorchesters zählt.
So ist das Orchester gegenwärtig bestens aufgestellt, und auch intern ist es gesund - zumal mit Marcus Rudolf Axt ein neuer, junger Intendant bei den Bambergern wirkt. Bis 2008 war Axt dort bereits als Orchestermanager tätig, um dann zwischenzeitlich bei den Berliner Philharmonikern für fünf Jahre die Leitung der Konzertplanung zu übernehmen.
Die Franken sind gut gerüstet für die nächsten Herausforderungen – und da kommen einige auf sie zu: Alles dreht sich vor allem um die Nachfolge von Jonathan Nott, der das Orchester 2016 nach 16 Jahren verlassen wird. Wenn es um die Nachbesetzung des Postens geht, wolle man sich dafür Zeit und Ruhe nehmen, um Schnellschüsse zu vermeiden, betont Orchestervorstand Christian Dibbern; eine vorübergehende Interimszeit wäre denkbar. Derzeit würden die eigenen Erwartungen und Wünsche eruiert; in einem Jahr könne man weiter sein.
Schon jetzt hat sich eine Vorstellung konkretisiert: Der zeitgemäße, fortschrittliche Kurs von Nott soll grundsätzlich fortgeführt und ausgebaut werden. Ein Rückfall in konservative, verstaubte Haltungen würde dem Renommée des Orchesters schaden.
(Marco Frei)

Abbildungen (Fotos: Metzner, Möller, Frei):
Die Bamberger Symphoniker - natürlich die Nummer 1! Oder war sollte sonst das Schild bedeuten, das der Guide am Flughafen zur Begrüßung der Musiker hoch hielt? (Foto: Frei)

Erstmals durfte das normale Volkzum Pekinger Neujahrskonzert. am Eingang bildete sich rasch eine lange Schlange. Die Sicherheitsvorkehrungen waren  - wie immer - hoch. (Fotos: Möller) 

Jonathan Nott hat die Bamberger zu einem Mahler-Konzert erster Güte geformt. (Foto: Frei)

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