Kultur

Heinrich Campendonk im Selbstbildnis (Ausschnitt), 1917. (Foto: Stadtmuseum Penzberg)

24.04.2015

Fragile Schönheit

Das Stadtmuseum Penzberg ist die zentrale Koodinierungsstelle zur Forschungsarbeit an Hinterglasbildern von Heinrich Campendonk

Hinterglasbilder galten lange Zeit lediglich als Volkskunst. Doch die Anerkennung als eigenständiges Kapitel in der Kunstgeschichte wächst. Jetzt bekommen Gisela Geiger und das Stadtmuseum Penzberg namhafte Unterstützung für die Erforschung und Restaurierung der Glasbilder von Heinrich Campendonk und seiner Kollegen vom Blauen Reiter.

Auch wenn ihr Museum zuhause in Penzberg wegen der Neubauarbeiten geschlossen ist, Museumsleiterin Gisela Geiger hat wichtige Nachrichten: Nachdem die Ernst von Siemens Kunststiftung schon im vergangenen Jahr einen ersten Projektantrag zur Erforschung und Restaurierung speziell der Hinterglasbilder Heinrich Campendonks (1889 bis 1957) bewilligt hat, fördert nun auch die VolkswagenStiftung ein weiteres, umfassenderes Projekt. „Hinterglasmalerei als Technik der Klassischen Moderne 1905 – 1955“ steht für die nächsten drei Jahre auf dem Programm und es werden 500 000 Euro hierfür bereitgestellt.
Die Arbeit an den Campendonk Werken wird bis zum Herbst abgeschlossen sein. Dann geht das Forschungsteam über zur Untersuchung der Hinterglasbilder von Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc und der anderen Künstler des Blauen Reiter. Denn die haben die alte bäuerliche Maltechnik in Murnau kennengelernt, haben sich Stücke als Anregung von den dortigen Sammlern ausgeliehen.
Mit August Macke kam die Technik nicht als traditionelle, sondern als zeitgenössische Ausdrucksform ins Rheinland, später zu den Künstlern der Avantgarde-Galerie „Der Sturm“ und ans Bauhaus. Als beispielsweise auch Max Ernst um 1912 damit beginnt, Hinterglasbilder zu malen, da sieht das keineswegs mehr nach Volkskunst aus, sondern eher nach den französischen Fauvisten, deren Konturmalerei sich mit der Hinterglaskunst trifft.
Die schlechte Nachricht: Im Grunde sind alle diese Werke ernstlich gefährdet. Nicht etwa wegen der Zerbrechlichkeit des Glases, sondern wegen der oftmals mangelhaften Haftung der Malschicht auf dem nicht ansaugenden Untergrund. „Allein Temperatur- oder Feuchtigkeitswechsel führen dazu, dass die Schichten sich trennen“, warnt Gisela Geiger: „Ein unwiederbringlicher Schatz der klassischen Moderne könnte verlorengehen“ .
Den Anfang des Forschungsprojekts wird eine große Fragebogenaktion bei internationalen Museen und Sammlungen bilden, mit der die Vielzahl der Künstler der Klassischen Moderne und ihres Hinterglasbilderschaffens erfasst werden soll. Über Deutschland hinaus sind auch Museen in Russland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden an einer gemeinsamen Erforschung des Themas und der Werke in ihren Sammlungsbeständen interessiert und stehen mit dem Team um Gisela Geiger in Kontakt. Vor allem geht es da auch um die Expertise von Simone Bretz, einer international renommierten Restauratorin für Hinterglasgemälde, die in den oberbayrischen Museen gut bekannt ist, die aber auch schon mal ein Hilferuf aus New York erreicht.

Materialforschung

In der Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern verspricht das neue Forschungsprojekt Aufschluss über die spezielle Maltechnik der modernen Hinterglasmaler, über die von ihnen benutzten Farb- und Bindemittel zu geben. Die nicht-invasiven Untersuchungen der Materialanalytik wie zum Beispiel die Raman-Spektroskopie führt die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, Berlin, als Projektpartner durch. Entscheidend ist auch die Mitwirkung des dritten Partners, des Doerner Instituts, München. Dort wird das von der Restauratorin entnommene Probenmaterial untersucht. Sie ist auch für die eingehende maltechnische Untersuchung und Dokumentation zuständig. „Jedes Bild wird umgekehrt, auf einen Lichttisch gelegt. Man sieht genau den Pinselduktus, die Übermalungen, die ausgekratzten Farbaufträge“, erklärt Gisela Geiger. Was bei den bäuerlichen oder höfischen und sakralen Hinterglasbildern früherer Zeiten durch lange gebräuchliche Techniken und Farben offenbar viel besser zu überschauen ist, bekommt durch die Experimentierfreude der Maler des Blauen Reiters eine neue Dringlichkeit. „Die Haltbarkeit war für sie eine zweitrangige Frage. Marc etwa hat an Bindemitteln genommen, was ihm gerade in die Hände kam“, weiß die Museumschefin.
Schon als die Hinterglasbilder Heinrich Campendonks nach Penzberg kamen, fiel der Erhaltungszustand als Problem auf. Rat konnte sich Gisela Geiger als Museumsleiterin nicht einmal in der wissenschaftlichen Literatur holen, die gibt es nur für die traditionelle Hinterglaskunst. Rund ein Jahr haben sie und Simone Bretz gebraucht, um die Anträge zu formulieren: nicht nur für die eigenen zehn Campendonk-Bilder, sondern auch für die in Köln, Neuss, Amsterdam, Brüssel oder Basel – inzwischen sind gut 70 Stücke von Campendonk identifizierbar, gemalt haben wird er über 100.
Die Materialforschung bringt als Nebeneffekt neue kunsthistorische Erkenntnisse: darüber, wie die Künstler alte Hinterglasbilder gesammelt haben, welche Ausbreitungswege die Technik genommen hat. Es geht bei dem Forschungsprojekt um nichts weniger als den Eingang der Hinterglaskunst in die künstlerische Malerei der klassischen Moderne. Bisher hatte man das Thema eher mit spitzen Fingern angefasst. „Vielleicht weil Glas zerbrechlich ist und die Werke damit heikel sind“, vermutet Geiger, „sicher aber, weil man die Hinterglasbilder als Kunsthandwerk abgewertet hat.“

Für neue Haftung sorgen

Der jetzt erforschte Restaurierungsvorgang ist äußerst schwierig: Über einen aufwendigen Festigungsprozess erfährt die vom Glas abgelöste Malschicht wieder ihre Haftung und die verloren gegangene Farbintensität zurück.
Der zeitliche Aufwand für die maltechnische Untersuchung eines Bildes und seine Dokumentation beträgt etwa einen Tag. Für die Festigung oder Restaurierung eines Bildes benötigt man je nach Befund etwa eine Woche und länger.
Die Begeisterung speziell für das Hinterglaswerk Heinrich Campendonks ist Gisela Geiger anzumerken. „Diese unvergleichlich subtilen Arbeiten sind quasi sein ‚Radierwerk’ mit feinsten Auskratzungen der verschiedenen Farbschichten.“ Warum ihn die Technik so fasziniert hat, weiß Gisela Geiger auch: „Es ist das Tiefenlicht, der besondere Effekt dieser Bilder. Glas wirkt wie die Firnisschicht bei Ölbildern.“
Man sieht, das über Penzberg hinausreichende Forschungsprojekt, das Gisela Geiger koordiniert, geht weit über Material- und Restaurierungsfragen hinaus und in bisher wenig beleuchtete Gebiete der Kunstgeschichte hinein: „Über dieses Projekt hinaus wird noch vieles Neue über Campendonk ans Licht kommen.“ Spätestens bis zur Eröffnung des Penzberger Museumsneubaus im Frühjahr 2016 werden Ergebnisse vorliegen. (Uwe Mitsching)

www.museum-penzberg.de

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