Kultur

Ist sie schwach, weil sie sich dem Familienwillen beugt? Oder es es Stärke, dass Shirah ihr eigenes glück zurückstellt? Filmszene aus "Fill the Void".

05.07.2013

Frauenpower vor und hinter der Kamera

In vielen Beiträgen des Münchner Filmfestes ging es um die Vielfalt weiblicher Stärke

Schwarzer Schleier und Highheels, die Scharia und der Traum vom Fahrrad, Zwangsehe und selbstbestimmtes Leben: Gegensätze, die man auf den 31. Münchener Filmfest erleben konnte. Gegensätze aus der Welt der Frauen. Ob aus Kirgisien, Saudi Arabien, Israel, Frankreich oder Deutschland – was diese Frauen eint, ist ihre Stärke.
Und stark sind nicht nur die Frauen der Geschichten, stark und selbstbewusst sind auch jene, die ihre Geschichten erzählen. Ob auf der Leinwand oder hinter der Kamera: Die Frauen dieser Filmfestspiele zeigen auch, wie unterschiedlich man den Begriff „stark“ verstehen kann.

Radfahren jetzt erlaubt

Humorvoll und erschreckend zugleich erzählt Regisseurin Haifaa Al-Monsour in der saudi-arabisch-deutschen Koproduktion Das Mädchen Wadjda vom Leben der Frauen unter der Sharia. Das Gesetz diktiert das Leben, seine Hüterinnen sind die Frauen selbst und wer mit ihm öffentlich bricht wird mit äußerster Härte in die Schranken gewiesen. Doch die Schülerin Wadjda lässt sich trotz Drohungen nicht von ihrem Traum, auch ein Fahrrad zu besitzen, abbringen. Mädchen und Fahrräder? In der streng religiösen Umgebung Wadjdas unmöglich.
Sie spart, nimmt an einem Koran-Wettbewerb teil, gewinnt und schlägt ihre Widersacher mit ihren eigenen Mitteln. Dabei bleibt sich das extrovertierte Mädchen treu. Ihr Mut, ihre Authentizität und ihr starker Wille zahlen sich für Wadjda am Ende aus.
Einen kleinen Erfolg konnte der Film übrigens in Saudi Arabien bereits verzeichnen: Seit April ist dort Fahrrad fahren auch Frauen erlaubt.
Stark muss auch Shirah sein. Die 18-Jährige wächst in einer ultra-orthodoxen Familie in Israel auf. Familienidylle und -zusammenhalt, meint man auf den ersten Blick. Doch nach dem Tod ihrer Schwester bei der Geburt ihres ersten Kindes sieht sich Shirah familiärem Druck ausgesetzt: Shira soll den Mann ihrer verstorbenen Schwester heiraten.
Fill the Void erzählt vom inneren Kampf einer jungen Frau, die sich zwischen dem Willen ihrer Familie und den eigenen Wünschen entscheiden muss. Letztlich siegt der Familienwille. Ist Shirah schwach, weil sie sich beugt? Oder ist sie stark, weil sie ihr eigenes Glück zurückstellt? Am Ende sieht man eine weinende Shirah in pompösem Hochzeitskleid. Sie wippt betend hin und her, das Gebetbuch fest in Händen. Doch Shirahs Schminke verwischt nicht nur unter den Tränen, die sie über diese Hochzeit weint, ihren Lippen entweicht gleichzeitig auch ein zögerndes Lächeln.
Verstörend, ungerecht und völlig leer sieht Ascels Welt in The Empty Home aus, dem kirgisischen Beitrag zu den Festspielen. Von ihrem Freund schwanger, flieht die junge Ascel nach ihrer Zwangsverheiratung mit einem lokalen Drogenboss aus der kirgisischen Heimat nach Moskau. Am Ende wird sie auf einer Landstraße in Frankreich überfallen und erstochen. Eine starke Frau, die selbstbestimmt ihr eigenes Leben in die Hände nimmt, autonom entscheidet – und doch letztendlich mit dem Leben bezahlt. Ergreift eine starke Frau die Flucht? Oder wird sie erst dadurch stark, wenn sie widerstandslos ihr Schicksal erträgt, wie Shirah?

Hohe Frauenquote

Drei Festivalbeiträge, drei unterschiedliche Geschichten über starke Frauen – noch viele mehr kann (bis zum morgigen Samstag) und konnte man auf dem Filmfest in München erleben. Nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter. Regisseurin Haifaa Al-Monsour zeigt als erste saudi-arabische Regisseurin mit Das Mädchen Wadjda den ersten Spielfilm, der je in Saudi-Arabien gedreht wurde – ein absolutes Novum und eine starke Leistung unter schwersten Drehbedingungen.
Ein Novum auch die ausgesprochen hohe Frauenquote bei den Festspielen. 37 Regisseurinnen zeigten ihre Filme. Während sich also die Politik noch in nicht enden wollenden Diskussionen über das Für und Gegen einer Frauenquote in der Wirtschaft verliert, beweist das Münchener Filmfest mit seiner Filmauswahl, dass starke Frauen in der Filmkunst bereits ganz vorne mitreden.
Nicht ohne Grund standen auch eine Regisseurin und ihr Film in der ersten Reihe. Oscar-Preisträgerin Caroline Link machte mit ihrem Roadmovie Exit Marrakech den Auftakt. Das Münchener Filmfest, ein Fest der starken Frauen also? Was bei den letzten Filmfestspielen in Venedig ein leeres Versprechen des Festspielleiters Alberto Barbera blieb, hat München dagegen voll und ganz eingelöst.
Fazit des 31. Filmfests: München würdigt die weibliche Kreativität in der Kultur – von Frauen vor und hinter der Kamera. Vor allem aber zeigt sie in ihren Beiträgen, wie vielfältig weibliche Stärke jenseits der Klischeevorstellung von männlichem Machotum sein kann.
(Maria Romanska)

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