Kultur

Körperlich extrovertiert ist Aziz Shokhakimov aus Usbekistan, der im Finale des Gustav Mahler Dirigentenwettbewerbs 2010 stand. (Foto: Film)

11.01.2013

Fuchteln mit dem Blindenstock

Michael Wende geht filmisch auf originelle Weise der Frage nach, wozu es überhaupt Dirigenten braucht

Holzgabel, Ast, Zahnstocher, Bleistift, die weiße Ausführung nennt man auch Blindenstock, weil sie noch im fahlsten Bühnenlicht gut sichtbar bleibt: Welch kuriose Bezeichnungen kursieren doch über den Taktstock. Das klingt alles recht abfällig, selbst das küchenpoetisch kokettierend „Baguette du Chef d’orchestre“ der Franzosen spricht von einer eher zweifelhaften Würde.
Das Verhältnis der Dirigenten zum Taktstock ist ein zwiespältiges: Keiner braucht ihn wirklich, aber jeder hat ihn. Und mancher malträtiert ihn derart, dass er nach einer Dreiviertelstunde zertrümmert ist. Nur der Show wegen? „Was fuchtelt ihr euch einen ab?“, fragt da ein schnoddrig ein Zeichentrick-Manschkerl in Michael Wendes Dokumentarfilm Der Taktstock. Der da mosert ist ein Taktstockbauer – ein verkanntes Genie, das den Pultstars ein bisschen an den Smoking geht und provoziert: Wozu braucht es überhaupt einen Dirigenten?
Eine Brahms-Sinfonie könne das Orchester auch ohne Dirigenten spielen, behauptet tatsächlich der britische Stardirigent John Carewe, der schon oft in Nürnberg gastierte. Aber weshalb huschen dann die Blicke der Musiker wie zur Selbstvergewisserung immer wieder zwischen Notenblatt und Dirigent hin und her? Wozu veranstaltet man obendrein Dirigentenwettbewerbe, gar aufwändig international besetzt? Und hört dann aber aus der Jury, dass es für die „Benotung“ eines Dirigenten eigentlich gar keine verbindlichen Kriterien gibt, dass das alles letztlich Geschmacksache ist, wen man lieber dirigieren sieht: den hoch emotional gestikulierenden Welteroberer oder den poetisch Feinfühligen.
Beide Typen standen beim Gustav Maler Dirigentenwettbewerb 2010 im Finale – der renommierte Contest in Bamberg (alle drei Jahre) war für Michael Wende ein ideales Labor, wo er seine filmische Studien für die Abschlussarbeit im Studiengang Medienproduktion an der Hochschule Deggendorf machen konnte.
So vielfältig die Dirigierstile – so virtuos geht auch der Filmemacher visuell mit dem Thema um: Seine Collage lebt vom variantenreichen Tempowechsel beim Schnitt ebenso wie bei den Musikeinspielungen (auch manch fetzige „U-“-Töne), er lässt Dirigenten und Orchestermusiker, den Nachwuchs ebenso wie die Alten Hasen erzählen und reflektieren, sich auch mal aufregen, beobachtet die Dirigenten hautnah bei Proben und umjubeltem Finalkonzert – und lässt immer wieder seinen kleinen Taktstockbauer dazwischenfunken. Information, Spannung und Humor schließen sich bei dieser Dokumentation zu einem Thema aus der „E“-Musik keineswegs aus – genial! So lässst man sich gerne belehren. Kein Wunder, dass Michael Wende mit seinem Film schon mehrere Preise eingeheimst hat.
Nach einer Stunde steht tatsächlich eine Antwort im Raum: Den Dirigenten braucht es einfach, weil er es schafft, durch die eigenen Gefühle, Musik zu übersetzen. Durch seine Präsenz und Gesten interpretiert er Musik. Dirigieren ist musikalische Ausdrucksgestaltung. Und man hört, wie widersinnig die Aufforderung eines Dirigenten an die Musiker ist, leiser zu spielen, während er selbst heftig fuchtelt. Und dass kleine Bewegungen oft signalisieren, dass der Dirigent Wert auf das präzise Spiel jeder einzelnen Note legt – oft könne man daran die Perfektion eines Maestros ausmachen.
In der nervösen Wettbewerbssituation wird vor allem klar: Dirigenten haben zuhause kein Orchester im Keller, mit dem sie wochenlang üben können. Notenblätter und Metronom sind nur magere Hilfsmittel für das hohe Maß an Abstraktion, das ihnen für die Umsetzung der Musik mit dem Orchester abverlangt wird, auf dass sich jene magischen Momente einstellen, wo Musik, Dirigent und Musiker zu einem Organismus verschmelzen.
Ja, und dann ist da noch die Sache mit der Fliegenklatsche, die es halt doch nicht als Taktstock tut: Naja, räumt schießlich der eine oder andere Dirigent ein, der Taktstock sei so etwas wie die Verlängerung der Hand vor allem bei kleinen Bewegungen. Und dem Selbstbewusstsein des gezeichneten „Werkzeugbauers“ schmeichelt sicher die Feststellung: Der Taktstock ist ein Symbol der Macht. (Karin Dütsch)

Abbildung unten:

Ainars Rubikis aus Lettland ist ein Vertreter der poetisch feinfühligen Dirigenten. Er gewann den Gustav Maler Dirigentenwettbewerb 2010. (Foto: Film)

Michael Wende, Der Taktstock, DVD, 65 Minuten, 21,95 Euro, Bel Air Edition, München.

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