Kultur

Fürs repräsentative Erscheinungsbild des Schlosses verpflichtete Kurfürst Johann Schweikart von Kronberg einst Baumeister Georg Ridinger. (Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg/Thomas Hesse)

28.03.2014

Fürstlicher Zweitwohnsitz

Vor 400 Jahren wurde das repräsentative Aschaffenburger Schloss Johannisburg eingeweiht – jetzt wird es generalsaniert

Mächtig, prächtig, rot-steinern thront Schloss Johannisburg über dem Main und bekrönt Aschaffenburg. Seit 400 Jahren. Am 17. Februar 1614 wurde der repräsentative Renaissancebau mit seinen vier behäbigen Ecktürmen, mit seinen harmonischen Fenstergliederungen, den schönen Ziergiebeln in der Mitte der Dachfronten, mit dem ebenfalls von vier Türmchen bestückten Bergfried der alten Burg, mit dem begrünten Wassergraben und den Zugangsbrücken eingeweiht.
Heute zählt Schloss Johannisburg zu den bedeutendsten Renaissancebauten Deutschlands. Es wurde 1945 im Bombenkrieg zerstört und danach unter intensiver Beteiligung der Bürger wiederaufgebaut. Vielleicht deshalb identifizieren sich die Aschaffenburger stark mit „ihrem“ Schloss.
Nähert man sich Aschaffenburg, ist die gewaltige Vierflügelanlage mit ihren hohen Schieferdächern schon von weitem sichtbar – sie bedeutet den Einheimischen ein Stück unverwechselbare Heimat. Die Aschaffenburger sind allerdings erst seit 200 Jahren bayerische Untertanen. Sie orientieren sich traditionell häufig am Rhein-Main-Gebiet, weil dort viele von ihnen arbeiten.
Aber es gibt auch die historischen engen Bezüge: Mindestens seit 950 n. Chr. gehörten sie zum Erzstift und Bistum Mainz. Stadt und Burg standen unter der Regentschaft der Mainzer Erzbischöfe. Diese ließen an der Stelle des heutigen Schlosses in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts eine Burg errichten; die Burgkapelle wurde dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht.

Aufsässige Landeskinder

Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts wurde die Anlage immer wieder erweitert, denn sie diente den Landesherren als zweiter Regierungssitz. Das Erzstift Mainz war damals die größte Kirchenprovinz der katholischen Kirche. Der Mainzer Erzbischof bekleidete nach dem Papst den höchsten Rang. Er war außerdem Erzkanzler des Reichs, stand dem Kurfürstenkollegium vor, leitete die Königswahlen und vollzog die Kaiserkrönung. In seinem zersplitterten Territorialstaat bot sich Aschaffenburg als zweite Residenzstadt an – zumal die Mainzer Bürgerschaft seit dem 12. Jahrhundert ihrem Herrn gegenüber recht aufsässig war. Deshalb wurde die Burganlage in Aschaffenburg zum Fürstensitz ausgebaut und als Winterwohnsitz gewählt.
Kardinal Albrecht von Brandenburg, der umstrittene Erzbischof von Mainz und Magdeburg und Gegenspieler Luthers, verlegte unter dem Druck der gegen ihn protestierenden Bevölkerung von Halle, wo er sich zum Beispiel durch Verschwendung negativ profiliert hatte, seinen Wohnsitz ganz nach Aschaffenburg.

Nur ein wenig geplündert

Nach Albrechts Tod (1545) wurde im Zweiten Markgräflerkrieg 1552 die mittelalterliche Burg niedergebrannt und geplündert, bald aber notdürftig wieder hergerichtet. Doch die Mainzer Erzbischöfe benötigten einen repräsentativen Amtssitz. Also gab Erzbischof und Kurfürst Johann Schweikart von Kronberg 1605 den Auftrag für einen vollständigen Schlossneubau, erstaunlicher Weise an den evangelischen Baumeister Georg Ridinger aus Straßburg. Die Reste der alten Burg wurden abgetragen, der Bergfried blieb stehen und wurde in den künftigen Nordflügel einbezogen.
Als am 17. Februar 1614 die Einweihung stattfand, war der Bau noch nicht fertig – der Kurfürst konnte erst ein Jahr später einziehen und die Endarbeiten zogen sich bis 1618 hin.
Besucher der späteren Jahrhunderte zeigten sich begeistert. Auch Schwedenkönig Gustaf Adolf war kurzzeitig dort, plünderte ein wenig, ließ aber das Schloss stehen.
Als die Innenausstattung allmählich als unmodern empfunden wurde, ging man 1774 an den Umbau. Als Folge der französischen Revolution floh der Kurfürst aus Mainz und wählte sich ab 1792 das sichere Aschaffenburg als Hauptwohnsitz. Diese Ära endete 1813 – 1814 wurde Aschaffenburg bayrisch.
König Ludwig I. besuchte das Schloss zwar häufig, aber die Zeiten, als Aschaffenburg Mittelpunkt eines eigenen Staates war, waren endgültig vorbei. Nach der Abdankung der bayerischen Monarchie zogen ab 1921 staatliche und städtische Einrichtungen ein. Nach der Zerstörung des Schlosses im Zweiten Weltkrieg dauerte der Wiederaufbau bis 1978, der Innenausbau war erst 1999 vollendet.
Doch seitdem nagte der Zahn der Zeit am Schloss. Die Schäden sind unübersehbar, auch die Haustechnik ist nicht mehr auf dem erforderlichen Stand. Finanzminister Markus Söder versprach, 21 Millionen Euro in vier Schritten bis bis 2020/22 in die Instandsetzung und Modernisierung zu investieren.
Die Generalsanierung wird sich auf alle Teile der Anlage erstrecken. Besondere Attraktionen dort sind zum Beispiel die Schlosskapelle mit dem wunderbaren Alabasteraltar und der Kanzel des Renaissance-Künstlers Hans Juncker, die Hof- und Stiftsbibliothek mit wertvollen Handschriften, etwa dem Heilthumsbuch des Albrecht von Brandenburg, die Staatsgalerie mit flämischer und deutscher Landschaftsmalerei oder Bildern von Lucas Cranach d.Ä., die fürstlichen Wohnräume mit Originalmöbeln, die weltweit einzigartige Korkmodellsammlung von antiken römischen Bauten, und auch das städtische Schlossmuseum mit Werken der Aschaffenburger Künstler Ernst Ludwig Kirchner und Christian Schad. Mit dem fein klingenden Carillon im Ostturm erfreut das Schloss durch das Glockenspiel Einheimische und Touristen.
Damit die Besucher mehr über diese Höhepunkte in Schloss Johannisburg erfahren, gibt es ein anspruchsvolles Jubiläumsprogramm mit Ausstellungen, Lichtinstallation und Musik, darunter dem ersten deutschen Oratorium überhaupt, komponiert vom Aschaffenburger Hofkapellmeister Daniel Bollius, sowie diverse Freilichtveranstaltungen im schönen Schlosshof.
(Renate Freyeisen)

www.schlossjubilaeum-aschaffenburg.de

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Kommentare (1)

  1. Abgestrafter am 28.03.2014
    Wie dieser Artikel deutlich Beweis liefert, gab es schon vor Jahrhunderten einen Zweitwohnsitz, niemand kam allerdings diese Zweitwohnsitze mit einer willkürlichen Steuer zu belegen. Erst im Jahre 1973 kam ein schlauer Professor auf die Idee und erfand die Zweitwohnungssteuer. Inzwischen ist es ein alter Herr mit über 70 Jahren, aber die Erfindung ist wohl die Krönung allen steuerlichen Unfugs:
    Froh war eigentlich nur der Hauptsicherheitsingenieur der Ruhr-Uni Bochum, als Prof. Dr. Hermann-Wilfried Bayer (Fakultät für Wirtschaftswissenschaften) vor fünf Jahren emeritiert wurde. Seine Vorlesungen zum Öffentlichen Recht für Wirtschaftswissenschaftler waren ein latentes Sicherheitsrisiko: Rund 1.000 Studierende zwängten sich stets in den Hörsaal HZO 10 – 30 Jahre lang. Am 7. März feiert Hermann-Wilfried Bayer, der außerdem die Zweitwohnungssteuer erfand, im Kreise seiner Schülerinnen und Schüler seinen 70. Geburtstag.

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