Kultur

Glas ermöglicht es, bis auf den „Urgrund“ einer Person zu schauen: Hier Ann Wolffs Andante. (Foto: H.-J. Becker)

02.01.2015

Geheimnisvolle Doppelungen

Ins Innerste einer Person schauen: Glasarbeiten von Ann Wolff in der Alexander Tutsek-Stiftung

Der allererste Coburger Glaspreis, der Zentralschweizer Glaspreis, der Bayerische Staatspreis in Gold, Jurors’ Award Corning, Award of Excellence der Smithsonian Collections Washington D. C. oder des Glasmuseums von Tacoma, der European Culture Prize Strasbourg: Das ist nur eine kleine Auswahl aus einer langen Liste von Auszeichnungen für Ann Wolff.
Kein Wunder, dass die Münchner Alexander-Tutsek-Stiftung nach Erwin Eisch ihre aktuelle Ausstellung der 1937 in Lübeck geborenen, heute in Schweden lebenden und arbeitenden Ann Wolff widmet. Es ist keine Retrospektive, zu sehen sind vielmehr Werke aus den letzten zehn Jahren – die Stiftung sieht ihre Ausstellungen auch als Innovationsimpuls für die ein bisschen ins Hintertreffen geratene Glaskunst.
Persona heißt die Schau von 30 Objekten und bezieht sich damit auf einen Begriff des antiken Theaters („Maske“), auch auf den so betitelten Film von Ingmar Bergman. „Ann Wolff hat auf der Suche nach dem wahren Gesicht keine Angst vor dem nackten Gesicht“, schreibt Eva-Maria Fahrner-Tutsek im Ausstellungskatalog, und die Ausstellung zeigt in der Tat, wie Ann Wolff hinter die Fassaden blickt, menschliche Identitäten auslotet, indem sie sich auf den Körper, besonders das Gesicht konzentriert. „Durch das Glas kann man schauen bis in den Urgrund einer Person“, sagt Aysegül Cihangir bei einer Führung durch die Ausstellung.

Verzicht auf Dekoratives

Und dieser Urgrund zeigt oft die Doppelgesichtigkeit einer Existenz: zwei Personen in einer Doppelfigur, zwei Ansichten derselben Figur – die Negativ- und die Positivfassung in spannungsvoller Dopplung. Das wird in den Frauenfiguren von River gut sichtbar: Sie überlagern einander, werden vom fließenden Glas wie ein Relief miteinander verschmolzen. Besonders faszinierend ist die große Skulptur Andante: Eine weibliche Figur (die Frau dominiert Ann Wolffs Werk) geht in einen Glasblock hinein, auf der anderen Seite kommt sie wieder heraus. Die Mitte dazwischen ist Raum und Zeit, ein Medium, das die Gestalt durchwandert, das sie auch schützt.
Alle Arbeiten, die in der Tutsek-Stiftung ausgestellt werden, sind aus formgeschmolzenem Glas, viele sind bronze- oder bernsteinfarben (Ann Wolff lebt auf der Ostseeinsel Gotland). Den Guss der großen Plastiken lässt sie in Tschechien machen, in ihren beiden Ateliers zuhause entwirft sie, macht die ersten Modelle und Abgüsse.
Mit dekorativen Details hält sich Wolff nicht auf: Köpfe, Masken genügen sich in sparsamen Andeutungen, die auch von großer innerer Ruhe künden. Überdimensional große Plastiken lagert sie in bewusster Kombination auf dem Boden – wie den Betonguss und Glaskopf von Head and head.
Besonders interessant ist Ann Wolffs regelrechte Dekonstruktion mancher Gesichter, dieses Aufbrechen von Köpfen. Vorherrschend bleibt immer das Maskenhaft-Geheimnisvolle. Besonders schön sieht man das bei Theresa, einem Kopf in magisch blauer Glasumgebung.
Im ersten Stock des Ausstellungsgebäudes in München-Schwabing zeigt die Tutsek-Stiftung Glas-Collagen von Ann Wolff: bemalte Glasscheiben, skripturale Elemente, verschiedene Glasschichten – alles hintereinander gestapelt. Von dieser Zweidimensionalität des Glases in Nachbarschaft zum gemalten Bild ist sie dann zur dreidimensionalen Plastik gekommen. Aber die Vielschichtigkeit der Person ist es, was sie auch in diesen früheren Arbeiten interessiert. Der Rundgang durch die Ausstellung ist kein Gang am Glas entlang, sondern ins Glas hinein: In die Geheimnisse dieser Figuren, in die Facetten und Schichten, die sie bergen.

Zurückhaltende Farben

Bei Ann Wolffs Zeichnungen begegnet man den Glasgesichtern wieder. Hier probiert sie auch die stets zurückhaltende Farbgebung für ihre Glasobjekte aus.
Die Tutsek-Stiftung verbindet ihre Ausstellungen immer mit Ankäufen: Von Ann Wolff hatte man schon Berlin Double im Bestand, jetzt ist Moult für den Außenbereich dazugekommen: aus Aluminium gegossen, die Negativform eines Gesichts, mit vielen optischen Varianten je nach Beleuchtung. Alles ist bei Ann Wolff ein sehr raffiniertes, hintergründiges Spiel. (Uwe Mitsching)

Bis 12. Juni. Alexander Tutsek-Stiftung, Karl-Theodor-Straße 27, 80803 München. Di./Mi. 10 – 14 Uhr, Do./Fr. 14 – 18 Uhr. www.atutsek-stiftung.de

Abbildung:
Das gesamte Werk von Ann Wolff dreht sich um die Ergründung der „Persona“. (Foto: Tutsek-Stiftung)

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