Kultur

09.09.2011

Genialer Notendieb

Die 13. Max Reger-Tage in Weiden widmen sich heuer "Anverwandlungen"

„Alle Komponisten sind doch mehr oder weniger geschickte Diebe“, wird Max Reger im Programmheft zum Eröffnungskonzert zitiert, und auch seine vier Ausrufezeichen dahinter fehlen nicht. Vornehmer heißt das Anverwandlungen und ist das Motto der 13. Max Reger-Tage in Weiden. Drei Wochen lang geht es in Konzerten, Vorträgen, Meisterkursen, sogar bei einem Gastspiel in der italienischen Partnerstadt Macerata um diesen Max Reger der Bearbeitungen, Abschriften, Neufassungen. An Material ist kein Mangel, im chronologischen Werkverzeichnis nimmt dieser Teil von Regers Arbeit allein 200 Seiten ein: Reger bearbeitet Bach, Reger bearbeitet Schumann ... Reger bearbeitet auch sich selbst.
Das erste von sieben Anverwandlungen-Konzerten hatte keine Mühe, den Anspruch von Deutschlands einzigem Reger-Festival zu erfüllen. Die jungen Musiker vom Kammerorchester Karlsruhe waren unter dem Reger-Spezialisten Nachum Erlich äußerst konzentriert bei der Sache: Regers Bearbeitung von J. S. Bachs Choralvorspiel Oh Mensch, bewein dein Sünde groß für Streichorchester gelang in exakter Intonation, schwelgerischer Jahrhundertwende-Klangfülle und war die Symbiose zweier Zeitstile.
Noch deutlicher wurde das bei der Bearbeitung der beiden Bach-Konzerte BWV 1060 und 1061 für zwei Klaviere. Münchens Musikhochschul-Präsident Siegfried Mauser, ohnehin ein Förderer der niederbayerisch-oberpfälzischen Musikprojekte und für Weidens Festivalkonzeption mehr als wichtig, setzte sich zusammen mit Uta Hielscher dafür an zwei Steinways und zog sozusagen gegen die historische Aufführungspraxis zu Felde: Richtig dick klang das Kaiserreich – ein Weg, den die letzten Jahrzehnte mit der Originalklangbewegung wieder rückwärts gegangen sind. Die beiden Pianisten ließen es an hinreißend romantischer Emphase und viel Pedal nicht fehlen, nicht an wuchtigen, bei Mauser geradezu bärbeißigen Akkorden und breit hingelagerten Gefühlen. Stilsicher malten die Karlsruher Streicher an diesem gestrigen Bach-Bild mit: eine Aufführung von Seltenheitswert, ein Stück Interpretationsgeschichte. Aus Bachs Klavier- wurden zwei Reger-Orgelkonzerte.
Ein besonderer Schwerpunkt dieser Reger-Tage liegt auf den Liedbearbeitungen: Orchesterfarben von bedrohlichem Trommelwirbel bis zu romantischem Hörnerklang für Schuberts Erlkönig, die balladeske Dramatik in Richtung Opernaplomb verschoben, aber der Ausdruckskraft Schuberts nichts Entscheidendes hinzugefügt. Mit der Sopranistin Anna-Lena Denk war das auch bei Brahms eine interessante Spurensuche gemäß der Formel: Brahms plus Reger ist gleich Richard Strauss. Zumindest an diesem interpretationsgeschichtlich aufschlussreichen und obendrein unterhaltsamen Abend. (Uwe Mitsching)

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