Kultur

Saar Magal ist mit "Jephtas Daughter" nicht zum ersten Mal für die Bayerische Staatsoper tätig: 2007/08 übernahm sie die Choreografie in "Eugen Onegin", 2011/12 realisierte sie das Festspielprojekt "Hacking Wagner". (Foto: Bayerische Staatsoper)

19.06.2015

Gewisse Unterschiede

Münchner Opernfestspiele veranstalten einen "Stadt der Frauen"-Kongress

Die Sopranistin Anja Harteros läuft gerade zur Probe für die Festspiel-Arabella ein – auch Strauss ist ein Teil des Saisonthemas der zu Ende gehenden Staatsopernspielzeit „Blicke Küsse Bisse“ mit ihren von Frauenschicksalen bestimmten Opern. Melisande, Lucia, Lulu oder eben Arabella: Alle sind sie Figuren, die „versuchen, ihre Fahrt auf dem Meer der Gefühle zu bestehen“ (Staatsintendant Nikolaus Bachler).
Als Fortschreibung und Erweiterung der Saison versteht die Bayerische Staatsoper jetzt auch ihre „Festspiel-Werkstatt“ mit drei Premieren und einem „Stadt der Frauen“-Kongress (in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximlian- Universität). Über die neuen Perspektiven, die die „Werkstatt“ vom 26. Juni bis zum 25. Juli in der Alten Kongresshalle und im Haus der Kunst eröffnen soll, sagt Staatsopern-Dramaturg Miron Hakenbeck: „Da wollen wir uns befreien von der sonstigen Verbindlichkeit der Stücke und Partituren: Wir erzählen zwar von historischen, mythischen Frauenfiguren, aber die Erzählformen werden multimedial, freier sein, der Blick auf sie kritisch und fragend.“

Extreme Intimität

Seit vielen Jahren begleitet die Staatsoper ihre Festspiele mit so einer „Werkstatt“: „Wir versuchen die Spielzeitthemen noch zu schärfen und assoziative Verbindungen herzustellen“, sagt Hakenbeck, „auch wenn so ein Thema wie ‚Blicke Küsse Bisse’ bis in die extremste Intimität führt. Wie kann darüber überhaupt öffentlich gesprochen werden?“
Drei Stücke bereitet man derzeit vor. Für Francesca da Rimini, die alte Liebesgeschichte von Dante, hat Anna-Sophie Mahler Gespräche mit Frauen im Gefängnis geführt: über deren Gefühle, Träume, Konflikte, Ängste. Von Stefan Wirth ist die Musik, drei Schauspielerinnen, eine Sängerin treten auf – wie alle anderen „Werkstatt“-Figuren sind auch sie aufgeladen von den Lebensfragen nach dem „totalen Glück und seinem Preis“, nach der „Autonomie über sich selbst“ und nach dem Opfer in einer Beziehung, auch zwischen Mutter und Kind.
Die israelische Choreografin Saar Magal hat das alttestamentarische Motiv von Jephta und seiner Tochter aufgegriffen (Jephtas Daughter): Tänzer, Sänger, Musiker machen sich auf den Weg, um Fragen wie Opferung und Selbstopfer, Hingabe und Glaube zu erkunden.
In Poul Ruders Oper Selma Jezková (nach einem Film von Lars von Trier) geht es um das Schicksal einer tschechischen Emigrantin, die alles verliert: ihren Job, ihre Integrität und am Ende ihr Leben.
Die Grenzen zwischen Musiktheater, Oper, Ballett vermischen sich in allen Stücken. Hakenbeck zählt auf: oratorienhafte Züge, Transformation durch Jazz, performancehafte Zufälligkeit, eine besonders starke Übersetzung der Themen ins Körperliche. Vieles wurde eigens für die Festspiele geschaffen, manches entsteht erst im Probenprozess. „Von der Andersartigkeit der Projekte sind alle Beteiligten schon jetzt begeistert“, weiß Hakenbeck, „bei Jephtas Tochter wird der Zuschauer sogar zum Teil des Bühnenbilds, durch den Vater/Tochter-Konflikt werden alle Generationen angesprochen. Jeder, der davon hört und nicht kommt, verpasst etwas.“

Rabatt für Frauen

Kommen dürfen zum Kongress und in die „Stadt der Frauen“ natürlich auch Männer. Gerade die, die durch die neuen Frauen in Verwirrung geraten sind. Am 27. Juni, gibt es von 13 Uhr bis „in die späte Nacht“ hinein eine „Festung als Zufluchtsort von selbstbewussten Frauen“ als „Alternative zur männerdominierten Gesellschaft“. Die Dramaturgen, Wissenschaftler, Künstler, die sich das ausgedacht haben, wollen es aber weniger als Trutzburg denn als „wandelbaren“ Entwurf verstanden wissen, als Sprungbrett für weitere Diskussionen, Entwicklungen: Spielt Geschlecht überhaupt noch keine Rolle? Was kann Nicht-Gender für Möglichkeiten eröffnen?
Nein, es wird nicht so sehr um „Gleichberechtigung“ nach dem Grundgesetz gehen, sondern um die Bedeutung der Unterschiede: „Wir gehen auch mit einem Augenzwinkern an das Thema heran“, beschwichtigt Hakenbeck. Auch dadurch, dass man in dieser „Festung“ chill-out-Zonen findet und das „Kongress-Muster durch Performance-Überraschungen umgekrempelt wird“.
Die „Festspiel-Werkstatt“ versteht Hakenbeck als einen genuinen Teil des Opernbetriebs (auch das Konzert der Opernakademie). Und es ist ein Teil, für den es noch Karten gibt (einheitlich 20 Euro): Ist der 20 Prozent-Rabatt, den Frauen auf die Eintrittskarte zum „Kongress“ bekommen, aber rechtlich überhaupt haltbar? Oder eine neue Form von Diskriminierung? (Uwe Mitsching)

Karten unter Telefon 089/2185 1920.

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