Kultur

Der Däne Bertel Thorvaldsen (1770 bis 1844) schuf Skulpturen, die das Ideal der antiken Bildhauerkunst reflektierten. Individuelles hatte da nichts verloren, die gleichsam überzeitliche Ästhetik unterstreicht die Distanz des Göttlichen. Das dänische Duo Elmgreen & Dragset erlaubt sich, diese entrückten Helden wieder auf den Boden herunterzuholen und zog für das fotografische Triptychon Cover Thorvaldsens Merkur warme Strümpfe an. (Foto: Kunsthalle)

24.06.2011

Götter sind auch nur Menschen

Künstler als Helden, die unter sich bleiben

„Kunst ist Kunst – und sonst nichts“, formulierte ebenso apodiktisch wie tautologisch der amerikanische Minimalist Ad Reinhardt (1913 bis 1967). Was einer Absage an das Heroentum in der Kunst gleichkam, das das Kunstwerk zum originellen Geniestreich und den Künstler zum Helden nobilitierte. Jetzt konterkariert die Ausstellung Unter Helden in der Kunsthalle Nürnberg dieses Alleinstellungsmerkmal des Künstlers und seiner Kunst und behauptet, dass spätestens in der Kunst der Moderne „Kunst aus Kunst“ kommt: Die Helden bleiben unter sich.
Mit Arbeiten von 17 international renommierten Künstlern wird das komplexe Thema von der Kunsthistorikerin Harriet Zilch durchbuchstabiert, die sich in der Nürnberger Kunst- und Ausstellungsszene schon mit einigen von ihr kuratierten, höchst einfallsreichen Ausstellungen (so beispielsweise El Dorado, ebenfalls in der Nürnberger Kunsthalle) profilierte. Jetzt geht sie in ihrer ebenso intelligent wie witzig arrangierten, dabei höchst anspruchsvollen Ausstellung mit dem „Originalitätsimperativ“ ins Gericht, der – seit Andy Warhol oder hierzulande Gerhard Richter – mit einer dialektischen Volte das triviale, alltägliche, multiple und verfremdete oder fotorealistisch adaptierte Motiv zum Kunstwerk erklärt oder gar die Ikonen der Kunstgeschichte – persiflierend und parodierend – ihrer Aura entkleidet und gerade dadurch wieder zu innovativer Kunst macht.
Gleich zum Entrée der – vor allem im glänzend edierten Katalog – kunstgeschichtlich und kunsttheoretisch überhöhten Ausstellung exemplifiziert das die Berliner Künstlerin Sabine Groß mit Marcel Duchamps’ Readymade Urinoir (1917), das sie wie ein archäologisches Artefakt als gleichsam deformiertes Objet trouvé in allerlei Porzellan-Variationen auf dem Boden auslegt. Und gleich über dieser Bodenarbeit parodiert mit Fotoarbeiten an der Wand das dänische Künstlerduo Elmgreen & Dragset das antikisierende Pathos der klassizistischen Skulpturen des Bildhauers Bertel Thorvaldsen: Merkur mit geringelten Socken, Ganymed in Jeans-Shorts und Cupido mit lässig über die Schulter gehängten Sneakers.
In der Dürer-Stadt Nürnberg bleibt der Rückgriff auf Dürer unerlässlich: Claudia Angelmaier entkleidet den Dürer’schen Feldhasen und das Rasenstück ihrer Aura und präsentiert die berühmten Aquarelle Dürers in aneinander gereihten, mehr oder weniger miserablen Reproduktionen aus historischen Dürer-Katalogen; womit sie ganz augenfällig Walter Benjamins Diktum visualisiert, dass das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit seine Ursprünglichkeit, den Glorienschein der Originalität, verliert.
Der britische Künstler Jonathan Monk nimmt den Künstler Martin Kippenberger in dreifacher Brechung beim Wort: Der ließ sich einst in seiner Arbeit Lieber Maler male mir von einem Kinoplakatmaler einen Schoßhund malen, den wiederum Jonathan Monk in einer chinesischen Kunstkopierfabrik kopieren ließ, um die „Fehler“ einzukringeln, die dem chinesischen Kopisten unterliefen.
Wo das Zitat in der „Kunst über Kunst“ anfängt und die Hommage aufhört, wo das Vorbild zur Vorlage wird und die Adaption ins Plagiat übergeht und wo die Anspielung zur Aneignung wird, ist nicht immer leicht auszumachen. Der Österreicher Klaus Mosettig wagt sich an ein Dripping von Jackson Pollock, empfindet es zeichnerisch nach und kehrt Pollocks spontane, schnelle und zufällige peinture automatique mit akribisch-penibler Verve in ihr Gegenteil um. Der Münchner Martin Wöhrl banalisiert die begehbaren Bodeninstallationen aus Eisenplatten des amerikanischen Minimal-Art-Künstlers Carl Andre und rekonstruiert sie mit abgenutzten Teppichfliesen.
Und weil den Helden (in) der Kunst nichts heilig ist, geht es auch dem Stillleben und dem Tod an den Kragen: die Ausstellung erweist am Ende der nature morte und dem Totenkopf ihre Reverenz, wenn sie den Motiven der Vanitas und der Vergänglichkeit nachspürt, der von Böcklin bis Corinth und heute bis Damien Hirst die Künstler mit Totenschädeln huldigten; was in der Kunst der Postmoderne auf ein künstlerisches Sampling hinausläuft, das sich selbst nicht mehr ernst – und den Tod (wie Daniel Richter in seinem Selbstporträt) auf die Schippe nimmt. (Friedrich J. Bröder)

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