Kultur

Fassmacher gingen einem Handwerk mit einst verlässlichem Einkommen nach; hier eine Klapptafel ihrer Nürnberger Zunft (1568/1761/1831). (Foto: GNM)

05.04.2013

Goldener Boden

Eine Ausstellung übers Zunftwesen im Germanischen Nationalmuseum

In merkwürdig anmutenden Straßen- und Familiennamen leben sie noch fort, über den Portalen alter Häuser finden sich noch ihre Zeichen und Chiffren, aber man kennt sie nicht mehr: die Schwertfeger und Flitterschläger, die Posamentierer und Drahtzieher, die Lohgerber und Rotschmiede, die Rechenpfennigschläger, Tuchmacher, Barbiere und Wundärzte, die Böttcher und Büttner, die Zinngießer, Nagelschmiede und Lebküchner. Die Handwerker und ihre Zünfte, einst tragende Säulen der Gesellschaft, der Mittelstand des Mittelalters, fristen – wenn überhaupt – nur noch in Heimat- und Freilandmuseen ein nostalgisch belächeltes Dasein.
Jetzt widmet das Germanische Nationalmuseum Nürnberg der „Kulturgeschichte des Handwerks“ die große Sonderausstellung: Zünftig! Geheimnisvolles Handwerk 1500 – 1800. Und öffnet dafür seine (über vier Millionen Einzelstücke zählenden) Depots, in denen ja nicht nur Artefakte hoher Kunst, sondern vor allem auch profane Relikte des Alltags aufbewahrt werden – und in dieser Ausstellung zum Teil erstmals zu sehen sind.
Doch diese Ausstellung reiht nicht nur alte, vergessene Gerätschaften und Werkzeuge, die längst ausgedient haben, aneinander oder führt gar ungekannte handwerkliche Tätigkeiten vor; vielmehr dokumentiert sie die Geschichte und das Wesen der zeitgenössischen Zünfte, in denen sich die einzelnen Handwerke zusammengeschlossen hatten. Und das Leben in den Städten prägten, bis ihnen im 19. Jahrhundert die Industrialisierung des Maschinenzeitalters buchstäblich „das Handwerk legte“.
Die Zünfte der solcherart ständisch organisierten Handwerker sicherten die Existenz der Gesellschaft, deren Versorgung mit den lebenswichtigen, aber auch luxuriösen Gütern – „Handwerk hatte einen goldenen Boden“. Wofür es Regeln und Rituale brauchte, um mit Gütesiegeln und Zunftzeichen Qualität zu garantieren und die Konkurrenz nicht ausufern zu lassen, also anderen nicht ins Handwerk zu pfuschen.
In opulenter Fülle und mit 260 Exponaten, darunter einmaligen Leihgaben, dokumentiert die Ausstellung wie es der Lehrling zum Gesellen schaffte, auf die weiterbildende Wanderschaft ging, um schließlich sein Gesellenstück abzuliefern, mit dem er es nach langen Lehr- und Wanderjahren zum Meister schaffte. Erst dann durfte er in der Zunft mitreden, war „zünftig“, wusste also, was sich geziemte, woher die Zunft ja ursprünglich ihren Namen hat.
Und die Zünfte feierten sich selbstbewusst auch, was die Pokale und Trinkgefäße, die Becher und Humpen, aber auch die stilisierenden Zunftzeichen ebenso bezeugen wie die prächtig ausgestatteten Zunftladen, die bis heute in den Freimaurer-Logen als mysteriöse Behältnisse des Allerheiligsten der Zunft fortleben. Eine kostbar ausgestattete und bemalte Zunftlade von 1699 zählt denn auch zu den kostbarsten Exponaten der Ausstellung.
Aber auch in bis heute gebräuchlichen Redewendungen leben diese Traditionen fort, gemahnen an die ehernen Regeln des Handwerks, wo erst die Übung den Meister macht, eingedenk verpflichtender Maximen wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, wenn er denn als Schuster bei seinem Leisten geblieben war.
(Friedrich J. Bröder)

Bis 7. Juli. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10 – 18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de

Abbildungen:
Aufwändig gearbeitet waren die Zunftladen wie die der Nürnberger Schreinergesellen (1595) und Zunftpokale wie jener der Frankfurter Metzger in Form eines Ochsen (1724/1728) und die. (Fotos: GNM)

 

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