Kultur

Star des Abends war die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova. (Foto: dpa)

20.07.2015

Grandioses Staraufgebot

Grandioses Staraufgebot bei der Operngala des Kissinger Sommers: Begeisterungstürme für Vesselina Kasarova und Klaus Florian Vogt

Wer große Stimmen mit großen Orchestern in einem akustisch wie architektonisch wundervollen Rahmen genießen will, sollte zum Kissinger Sommer kommen. Die Anreise lohnt sich, auch wenn die Programme manchmal etwas willkürlich zusammengestellt scheinen. Ein traditionelles Highlight ist die Operngala unter Johan Arnell. Der schwedische Dirigent leitete heuer das Budapest Philharmonic Orchestra.

Drei Gesangsstars von Rang waren angekündigt. Die Sopranistin Genia Kühmeier begann etwas verhalten mit ihrer hellen, kühlen, nicht allzu modulationsfähigen, aber angenehmen Stimme mit der berühmten Arie der Gräfin aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ ohne ergreifende emotionale Momente. Dagegen schmetterte Dmitry Korchak mit seinem großen, kernigen Tenor das „Il mio tesoro“ des Don Ottavio aus dem „Don Giovanni“ mit strahlender Kraft. Mozart zu singen verlangt aber mehr als das, nämlich auch gefühlsmäßigen Ausdruck. Allerdings konnte sich der russische Tenor dann als Alfredo Germont in Verdis „Traviata“ mit überzeugender Gestaltung und glänzenden Höhen bestens präsentieren, steigerte dies noch als Herzog aus dem „Rigoletto“ und konnte die sehnsüchtige Melancholie des Nadir aus den „Perlenfischern“ von Bizet überzeugend gestalten, auch wenn ihm als „Werther“ gelegentlich noch etwas Schmelz gut getan hätte.

Star des Abends aber war Vesselina Kasarova mit ihrem dunkel getönten, vollen, schweren Mezzosopran. Auch wenn sie als Belle Hélène die Position ihrer Stimme manchmal noch suchen musste – als Carmen gab sie eine mitreißende, sinnliche, höchst eindrucksvolle Interpretation dieser Figur.

Über Cecilia Bartoli noch Lobeshymnen auszugießen, ist müßig. Doch was sie an ihrem Abend „Von Venedig bis St. Petersburg“ zusammen mit dem exzellenten Ensemble I Barocchisti unter Diego Fasolis bot, war einfach umwerfend. Ihr Mezzosopran ist noch einmal runder, voller, wärmer geworden, von den stimmakrobatischen Wunderleistungen ganz zu schweigen – aber ihre so weich in allen Facetten leuchtenden Legato-Linien berühren einfach empfindsame Herzen. Und zwei Mozart-Zugaben ließen alles dahin schmelzen.

So waren die Erwartungen an die „Notte italiana“ mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Jacek Kaspszyk hoch gesteckt. Doch abgesehen davon, dass sich auch Französisches darunter mischte: Die drei Solisten waren recht unterschiedlich. Leider konnte Bassbariton Daniel Kotlinski am wenigsten Italianità verströmen, denn seine in den Tiefen wenig profunde, in den Höhen angespannte, insgesamt etwas kehlig-dunpfe Stimme musste sich sichtlich anstrengen, etwas Ausdrucksvolles zu gestalten. Dagegen hatte der junge mexikanische Tenor Arturo Chacón-Cruz keinerlei Mühe als Rodolfo aus Bellinis „Sonnambula“ seine enorme Kraft in strahlenden Höhen zu entfalten und lang auszuhalten; außerdem konnte er mit einer schönen Mitte prunken und sein fülliges Material effektvoll einsetzen, etwa in der berühmten „Blumenarie“ aus Bizets „Carmen“.

Auch wenn das Orchester manchmal zu laut war, Norma Fantini konnte stets mit ihrem vollen, reich bemittelten, dramatischen Sopran alles überflügeln, mit ihrer expressiven Riesenhöhe imponieren, und als Tosca oder Manon eine berührende Szene lebendig gestalten.

Einen fulminanten Abschluss bildete die Gala mit den Bamberger Symphonikern unter dem hervorragenden Jakub Hrusa, der dem Orchester böhmischen Melodienschmelz entlockte. Der erste Höhepunkt des bejubelten Abends war Beethovens 4. Klavierkonzert mit der furiosen Khatia Buniatishvili, die wie ein Vulkan sich mit dem ganzen Körper und wehenden Haaren in einen dramatischen Tastenrausch hinein steigerte, mit virtuoser Brillanz begeisterte, aber auch ganz sensibel Feines hervorzauberte.

Das Interesse des voll besetzten Hauses aber galt Klaus Florian Vogt. Der Wagner-Tenor par excellence erfüllte restlos alle Erwartungen nicht nur als Max aus dem „Freischütz“, sondern auch mit der Arie des Siegmund aus der „Walküre“ und natürlich mit einer herrlichen Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ durch seinen klaren, strahlenden, kraftvollen Tenor mit den wunderbar glänzenden, mühelos weiten Höhen, der sinnvollen Gestaltung bei einer stupenden Textverständlichkeit. Obendrein gewann er die Herzen des Publikums durch launige Ansagen. Und dass er sich mit Schmelz und Höhenglanz auch an die angeblich leichte Muse, die Operette, wagte, an Ohrwürmer wie „Grüß mir mein Wien“, an „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“ und „Dein ist mein ganzes Herz“, ließ den Max-Littmann-Saal bei den folgenden Begeisterungsstürmen fast in den Grundfesten erbeben. Da kann man sich schon auf das Eröffnungskonzert des nächsten Kissinger Sommers freuen, dem letzten unter der verdienstvollen Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger, denn da tritt der beliebte Sänger wieder auf. (Renate Freyeisen)

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