Kultur

Aus Hesses Krisenjahr 1926 stammt dieser "Maskenball". (Foto: Kulturspeicher)

11.01.2013

Grenzen überfliegen

Das zeichnerische Werk von Hermann Hesse im Würzburger Museum im Kulturspeicher

"Die Grenzen überfliegen“ zwischen Malerei und Dichtkunst, zwischen Realität und Fantasie wollte Hermann Hesse (1877 bis 1962) immer. Zu seinem 50. Todestag im vergangenen Jahr gab es in Basel und Montagnola, Hesses langjährigem Wohnsitz im Tessin, eine viel beachtete Ausstellung unter diesem Titel. Zeit seines Lebens schuf der Literaturnobelpreisträger parallel zu seinem Erzählwerk und seiner Lyrik über 2000 Aquarelle, dazu Zeichnungen und Illustrationen von Briefen und Manuskripten.
Nun kann das Museum im Kulturspeicher Würzburg als einzige Station in Deutschland etwa 180 teilweise noch nie präsentierte Bildwerke zeigen. Denn Hesse liebte Würzburg wegen seiner südlichen, sinnlichen Atmosphäre. In Narziß und Goldmund verarbeitete er die Eindrücke seines Aufenthalts 1928 in der Stadt am Main. Hermann Hesse entstammte einer streng pietistischen Pfarrersfamilie in Calw (Baden-Württemberg). Er lehnte sich gegen die Erziehung im Elternhaus auf, lief weg, wurde als geisteskrank eingestuft und landete in einer Nervenheilanstalt. Als Buchhändler ausgebildet, begann er zu dichten, zog nach Basel, lernte dort seine erste Frau Mia kennen und konnte sie nach der erfolgreichen Veröffentlichung seines ersten Romans Peter Camenzin“ heiraten. Doch die Ehe, aus der drei Söhne stammten, ging schief; er wurde in Deutschland als Vaterlandsverräter wegen seines Einsatzes für die Völkerverständigung verunglimpft. Er machte 1916/17 eine psychische Krise durch.
Während der psychoanalytischen Behandlung setzte er sich mit Traumdeutung auseinander. Ein Mittel zur Selbstfindung war für ihn das Zeichnen. In dieser Zeit entstanden „Traumbilder“, merkwürdige farbige Gesichter von fast maskenhafter Starre, surreale Szenen, aber auch eine Reihe von Selbstporträts. Diese dokumentieren eine quälende Sicht auf sich selbst. Während die Interieurs von seinem Haus in Bern mit ihrer verschobenen Perspektive das Unbehagen an diesem Heim (und der Ehe) bezeugen, sprechen die Außenansichten, etwa vom Garten oder von Blumen, von seiner Liebe zur Natur.

Ergänzung zum Schreiben

Auch wenn er sich selbst als Dilettant bezeichnete: Die Malerei, vor allem das Aquarellieren, war für ihn eine lebensnotwendige Ergänzung zur Literatur. Sie hielt ihn im Gleichgewicht. Das sinnliche Leuchten der Aquarellfarben begeisterte ihn, vor allem das Malen im Freien, als er nach der Trennung von seiner Frau 1919 ins Tessin gezogen war. Diese Landschaft mit ihren weiten Ausblicken bedeutete ihm eine gewisse Befreiung. Die Eindrücke fasste er, ohne sich um Details zu kümmern, fast ornamental zusammen. Er schuf stilisierte, helle, farbenprächtige Bilder; die Ansichten der Landschaft wirken oft sehr vereinfacht, fast kubistisch. Häuser scheinen wie bunte Spielzeug-Klötzchen inmitten runder Hügelformen. Alles zeugt von der Freude an einem harmonischen Ganzen.
Daneben gab Hesse aber auch seine Vorliebe für das Kleine, Feine nicht auf: Er malte zum Beispiel „Ovalbilder“ in goldenen Rahmen, illustrierte Briefe mit kleinen Zeichnungen, auch Gedichte, die zum Verkauf an Sammler gedacht waren. Liebevolle Illustrationen erhielten auch Manuskripte, etwa das Liebesmärchen für seine zweite Ehefrau Ruth Wenger. Ab 1922 ändert sich der Stil der Aquarelle: Hesse zerlegte öfter das Bildfeld in ein grob gerastertes Mosaik.
Immer blieb das Tessin mit den wenigen Häusern in der Landschaft, mit Bergen, See, Bäumen und Wegen das Hauptmotiv. Später werden die Ansichten klarer geordnet, konkreter. Oft vermeint man ein Gefühl der Einsamkeit darauf zu verspüren. Auch die zweite Ehe missglückte. Im Krisenjahr 1926 quälten Hesse Gedanken an Selbstmord. Er suchte nach einem Ausweg, wie der außergewöhnliche Maskenball, zusammengefügt aus abstrakten Elementen, belegt; mit dem Steppenwolf konnte sich Hesse die Bedrängung von der Seele schreiben. Danach wurden die Tessiner Bilder farbintensiver, klarer. Die innere „Beruhigung“ bewirkte wohl auch, dass seine künftige dritte Ehefrau Ninon ihm ins Tessin folgte. Ab 1930 wandte er sich wieder der Federzeichnung zu, die Aquarellmalerei gab er fortan auf.  (Renate Freyeisen)

Abbildungen (von oben):

Das Selbstporträt malte Hermann Hesse 1919. In diesem Jahr trennte er sich von seiner Frau und zog ins Tessin.

Zeichnen wurde Hermann Hesse ein Mittel zur Selbstfindung – aus der Reihe seiner „Traumbilder“ stammt das Motiv Vogel im Traumgarten. (Fotos: Kulturspeicher)

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