Kultur

Der unheimliche Fremde. Heimo Essl als geheimnisumwitterter Rudolph und Julia Bartolome als Bettina in "Wintersonnenwende" von Roland Schimmelpfennig. (Foto: Marion Bührle)

21.12.2015

Groteskes Weihnachtsmärchen

In Nürnberg sieht man Roland Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" in verfremdeter, befremdender Dramaturgie

Wir leben in einer Zeitenwende, nach der nichts mehr so sein wird wie es war! Die demokratische Lackschicht bröckelt, die Mitte der Gesellschaft rückt nach rechts und der durchschnittliche Bourgeois wird zum "Gefährlichen Bürger", wie ihn jüngst die Münchner Schriftstellerin Liana Bednarz in ihrem gleichnamigen Buch apostrophierte. Diese Zeitenwende münzt der derzeit meist gespielte deutsche Dramatiker Roland Schimmelpfennig (Jahrgang 1967) auf die gerade, am 21. Dezember, stattgehabte "Wintersonnenwende", wie er sein jüngstes, umstrittene Theaterstück nannte. Jetzt spielt es das Staatstheater Nürnberg als erste Bühne in Bayern.

Auf den ersten Blick ist Schimmelpfennigs Weihnachtsdrama ein konventionelles Konversationsstück nach der Machart von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" oder Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" (und der ideellen Anleihe bei Ariel Dorfmanns "Der Tod und das Mädchen")-

Geheimnisvoller Fremder

Eine Familien-Idylle am Vorweihnachtsabend mit erfolgreicher Mittelstandsfamilie - Vater, Mutter, Kind. Eine trügerische Idylle freilich, die nicht nur die pünktlich zu Weihnachten hereinschneiende Corinna - Schwiegermutter, Mutter und Oma in einer Person -durcheinander bringt, sondern auch ihre Zufallsbekanntschaft in Gestalt eines Mannes, den sie bei der Anreise im Zug kennenlernte und gleich mitbringt.

Ein geheimnisvoller Fremder ist dieser Rudolph, ein gut gekleideter Gentleman mit gepflegten Manieren und ebensolchem Aussehen. Ein Deutscher aus Paraguay und Arzt, der Musik von Bach bis Wagner liebt und auf dem Flügel im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer auch gleich andeutungsweise intoniert, aber sich auch über Kunst gebildet artikuliert. Gleichwohl ist dieser Rudolph dem Hausherrn Albert nicht geheuer: "Mit dem stimmt was nicht!", sagt Albert oder denkt er es nur?

Spannendes Beiseitesprechen

Und damit ist man schon in Schimmelpfennigs verfremdeter und befremdender Dramaturgie, mit der er  sein groteskes Weihnachtsmärchen von den üblichen Klischees des Gesellschaftsdramas bewahren will: denn die Schauspieler sprechen die Regieanweisungen des Stücks gleich mit, kommentieren und reflektieren - gleichsam beiseite sprechend - das Geschehen und lassen ihren geheimen Gedanken und Gefühlen, ihren inneren Monologen freien Lauf. Sie stehen gleichsam neben sich und sehen sich beim Spielen zu. Ein dramaturgischer Kniff, der den eigentlich banalen Dialogen Spannung verleiht - zumal auch die Uhr tickt, die Zeit still steht oder vorgeht, wenn immer wieder die Uhrzeit eingesprochen wird.

Heimo Essl spielt Rudolph, den ungebetenen Gast, den Fremden, der schon dadurch aus der Rolle fällt, dass er den dahin plätschernden Plauderton der Konversation mit Poesie und Pathos aufheizt, sich über alte Werte und vergessene  Worte auslässt oder die Ordnung der Natur über das Chaos der modernen Gesellschaften stellt. Julia Bartolome als studierte und emanzipierte Hausfrau und Mutter mit Beruf , sie ist Filmemacherin, und Daniel Scholz als Albert, der Ehemann und Autor, der Bücher über "Die Zukunft der Vergangenheit" oder über "Weihnachten in Auschwitz" schreibt - die beiden pflegen den Small-Talk der modernen Ehe-Partner, die zwar kein Geheimnis voreinander, aber jeder für sich seine mehr oder weniger offene Affäre hat. Mit mal ironischen, mal gehässigen Spitzen, mit Sottisen und kleinen Gemeinheiten überspielt man die Beziehungsprobleme, wozu die (unsichtbar bleibende) kleine Tochter aus dem Off  die üblichen Nettigkeiten für Papi und Mami beisteuert. Die undankbarste (und eigentlich überflüssige) Nebenrolle hat der Schauspieler Stefann Willi Wang, der den Künstler Konrad hinchargiert.

Klirrende Kälte

Regisseurin Schirin Khodadadian stellt ihre Inszenierung vor eine gewaltige, symbolträchtige Gletscher-Eis-Kulisse, mit der Bühnenbildnerin Carolin Mittler  ganz offensichtlich Caspar David Friedrichs romantisches Gemälde "Das Eismeer"  zitiert, was wohl die Kälte der Gesellschaft signalisiert. Die eigentliche Pointe aber hebt  sich Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" bis zum Schluss auf: Aus Rudolph, dem unheimlichen, fremden Gast mit der mysteriösen Aura, bricht es mitten im Gespräch plötzlich heraus: "Du Saujude" brüllt er seinem Gastgeber ins Gesicht, nachdem er sich vorher eher beiläufig über Ungeziefer und Blattläuse ausgelassen hat.

Die Szene erstarrt zum Tableau und der verblüffte Zuschauer fragt sich, ob Rudolph das nun tatsächlich gesagt oder sich in dramaturgischer Verfremdung nur gedacht hat. Denn danach hebt man das Sektglas, um vor dem jetzt endlich fertig geschmückten Christbaum auf das anstehende Weihnachtsfest anzustoßen. Viel Beifall. (Fridrich J. Bröder)

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