Kultur

Ein gotischer Dom am Wasser (1813): Karl Friedrich Schinkels idealisierte Verquickung von Architektur und Landschaft. (Foto: Staatliche Museen zu Berlin)

01.02.2013

Harmonische Klarheit

Die Hypo-Kunsthalle zeigt den Allroundkünstler Karl Friedrich Schinkel

Hufe klappern, Menschen schreien, feuerrot flackert der Himmel, und kleine Pappfigürchen ziehen vor gemalter Stadtsilhouette über gemalte Brücken. Als „optisch-mechanisches Schaubild“ zeigt dieses Riesendiorama mit Ton-Effekten den Brand von Moskau und wirkt in seiner naiv-grotesken Automatenhaftigkeit rührend komisch. Die liebevoll rekonstruierte Spektakelbude mit Jahrmarktflair, die 1812 die Berliner begeisterte, stammt von Karl Friedrich Schinkel (1781 bis 1841), dem bedeutenden Architekten des Klassizismus. War dieser wackere Preuße vielleicht ein halbseidener Kulissenschieber? Sind gar seine berühmten Bauten von der Neuen Wache bis zum Alten Museum, ohne die Berlin nicht wäre, was es ist, infiziert von dekorativer Theatralik im Geiste Potemkins? Mitnichten!
Schinkel – Architekt Maler Designer heißt bieder-unverdächtig die Ausstellung in der Münchner Hypo-Kunsthalle, die den ganzen Umfang von Schinkels Schaffen bis hin zu Möbelgestaltung, Wanddekoration und anderen Bemühungen um die ästhetische Erziehung der Preußen auffächert.
Aber so seriös-historiographisch die Schau daherkommt – sie kokettiert doch mit der Irritation des Besuchers. Schließlich will sie uns auch den anderen, unbekannten Schinkel vorführen, die Zerrissenheiten eines Künstlers beleuchten, dessen Werk als Inbegriff klassizistischer Klarheit gilt.
In der Tat war Schinkel ja auch der Architekt, der die körperhafte Idealität, die er bei seiner Italienreise von 1803 bis 1805 aufsog, in den märkischen Sand setzte. Er transformierte sonnenbeschienene Harmonie in humane Nüchternheit und entwickelte dabei eine Formensprache von ebenso kühler wie elementarer Gemessenheit, was unzählige Zeichnungen in der Schau einmal mehr belegen.
Jetzt aber müssen wir zudem erfahren: Schinkel war auch ein Phantast, wie sich etwa in den rund 100 Bühnenbildern zeigt, die er entwarf: Da wimmelt es von Nixen, die in Grottenhöhlen herumplanschen, wie sie auch als Ausstattung für Neuschwanstein getaugt hätten. Andere Prospekte zeigen Märchenwälder, wo der Wildbach rauscht, und in seinem berühmtesten Bühnenbild für Mozarts Zauberflöte lässt er die Königin der Nacht wie eine Madonna auf der Mondsichel über Wolken schweben - unter einer tiefblauen, sternenbestückten Himmelskuppel.
Aber wenngleich diese Gebrauchskunst nicht für die Ewigkeit gedacht war und auch im Kontext des zeitgenössischen Geschmacks zu sehen ist – dass im Klassizisten Schinkel ein Romantiker steckte, hatten bisher ja schon seine Gemälde ahnen lassen: Bilder, die eben nicht nur griechische Tempel im Licht der Vernunft zeigen, sondern zudem gotische Dome in sehnsuchtsbeladenen deutschen Landschaften. Aber gerade weil der Berliner als virtuoser Handwerker hier nicht die genuin malerische Intensität eines Caspar David Friedrich erreicht und so teilweise zu deutlich im Allegorischen verharrt, offenbart er den literarischen Geist jenes romantischen Geschichts-Utopismus, für den die Programmatik historisch autorisierter Gegenwelten und der Sog des Irrationalen oft nur allzu nah beieinanderliegen.
Muss also die untergründige Bizarrerie dieses Allroundkünstlers, die von den gewagten Farben der Ausstellungsräume zwischen laubfroschgrün und rotorange akzentuiert wird, uns auch Schinkels Architektur in neuem Licht sehen lassen? Dann wären ihr strenger Wohlklang, ihr offensives Ebenmaß als Gegengewicht zu Entgrenzungstendenzen deutbar, denen sie abgerungen sind. Auch als Versuch, die Zentrifugalkräfte einer Epoche zu bannen, in der sich die Umbrüche und Verwerfungen der zweiten Jahrhunderthälfte schon ankündigen.
Seltsam, aber auch sehr erhellend wirkt es, dass solche historisierenden Sichtweisen, die die Ausstellung insinuiert, in ihrem mechanischen Geklapper ein wenig dem Schinkel’schen Figurenpanorama des brennenden Moskau ähneln. (Alexander Altmann)

Bis 12. Mai. Hypo-Kunsthalle, Theatinerstraße 8, 80333 München. Täglich 10 – 20 Uhr

 

Abbildungen (von oben):

Karl Friedrich Schinkel (1781 bis 1841), porträtiert von Carl Friedrich Ludwig Schmid.

Bühnenbild (1815) zu Mozarts Zauberflöte. (Fotos: Staaatliche Museen zu Berlin)

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