Kultur

Lässt keine Wünsche des Publikums an Gesang und Darstellung offen: Das Geschwisterpaar Hansel und Gretel alias Silvia de La Muela und Michaela Maria Mayer. (Foto: Jutta Missbach)

03.11.2014

Hexe bei Besenbinders im Haus

Traumhafte Bühnenbilder, lebhafte Sänger: Nürnbergs Neuinszenierung von "Hänsel und Gretel" rührt die Herzen

„Hunger!“  Als Antwort auf diesen Hilferuf bot die letzte Inszenierung von Hänsel und Gretel am Staatstheater Nürnberg  von Trockeneis umwaberte Kühlschränke und weiße Eisbären: Das bleibt unvergessen. Diesmal: Es gibt keine Besenbinderfamilie, die Leute heißen nur so. Sie haben  den Gerichtsvollzieher am Hals und die großbürgerliche  Buddenbrooks-Pleite schon hinter sich – Gründerzeitkrise zu Engelbert Humperdincks Zeiten. Kunstsinnig waren diese  Besenbinders immerhin: Wagners Porträt wird gerade aus dem Salon abgeholt und kommt unter den Hammer. Mama Gertrud ringt die Hände, auch das Stockbett der Kinder muss in die gute Stube, dann werden  noch Standuhr und Teppich gepfändet.

All das war nicht schon der ganze 1. Akt, sondern nur die bebilderte Ouverture  des Weihnachtsklassikers im Opernhaus, durch das auch ein strenger Hausdrachen mit Rohrstock hinkt: Wenn das mal nicht schon die Hexe ist!

So sehr über der Bühne der Pleitegeier kreist: Die Nürnberger Koproduktion mit Toulouse braucht nicht zu sparen. Der Orchestergraben ist weit offen für eine Philharmoniker-Besetzung, die  in romantischen Klangfarben schwelgt und bei Guido J. Rumstadt in besten Händen ist. Wagners Bild hat ihn offenbar  zu schwelgerischer Orchesterentfaltung inspiriert, zu flotten Tempi beim Hexenritt mit der Laterna magica,  aber auch zu rührender Abendsegen-Innigkeit. Fürs Premierenpublikum und die Hörer von Bayern Klassik spielt man in weihnachtlichem Farbrausch und ohne jede Kaiserreichs-Klangverfettung. „So recht deutsch“, jubelte schon der Dirigent der Weimarer Uraufführung, Richard Strauss.

Andreas Baeslers Inszenierung in Harald B. Thorns ingeniösem Bühnenbild lässt immer wieder die Frage offen: Ist das noch Wirklichkeit oder schon ein Traum? Der Kamin, das Lebkuchenhaus, das Stockbett jedenfalls reichen in die Märchenwelt hinüber, werden zum Backofen für die Hexenverbrennung, zum Knusperhexenhaus oder zu Hänsels Mast-Gefängnis. Und die Fantasie der Kinder sprengt den ganzen Besenbinder-Salon: Die Bäume des Gartens vor den hohen Fenstern werden zum Märchenwald, Märchengestalten aus alten Grimm-Zeiten mimen den Schutzengelchor, und das Sandmännchen verstreut Glitzerlametta, wenn Puppe und Teddy ganz allerliebst lebendig werden: Wem ginge da beim Abendsegen nicht das Herz auf?

Auch angesichts der lebhaft und nie outriert, sehr differenziert singenden und spielenden Sänger für das Geschwisterpaar: Silvia de La Muela und Michaela Maria Mayer lassen keine Wünsche offen. Ekaterina singt hochdramatisch von ihren Erziehungsproblemen und Jochen Kupfer herrlich von Kümmel beschwipst die Lieblingsrolle aller Baritone. Selbstverständlich trägt in Nürnberg zum Schlusschor jedes der erlösten Kinder ein Lebkuchenherz überm Nachthemd. (Uwe Mitsching)

Nächste Vorstellungen am 12., 16., 20. und 25. November.

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