Kultur

19.03.2010

Höfisches Getue

„Der Krieg“ an den Münchner Kammerspielen bietet mitreißendes und zugleich quälendes Theater

Damals, bei den alten Griechen zum Beispiel, muss das Theater etwas in der Art gewesen sein: eine Maschine, die einen durch alle Höhen und Tiefen der Empfindung jagt. Und so etwas ist es jetzt wieder bei Armin Petras. Dieser Hochfrequenzregisseur begreift die Bühne als emotionalen Teilchenbeschleuniger, der den Urknall archaischer Dramen-Wucht simuliert. Nach 18 Jahren war der Seelen-Percussionist nun wieder einmal in München tätig, wo er an den Kammerspielen ein seltsames Dramen-Gespann als Double Feature präsentiert. Carlo Goldonis kaum bekannte Rokoko-Komödie Der Krieg geht an diesem zweistündigen Abend fast nahtlos in Heinrich von Kleists Tragödien-Fragment Robert Guiskard über. Goldonis Krieg nimmt die Belagerung einer Festung zum scheinbar heiteren Anlass, um von amourösen Wirren und mafiösen Schiebereien im Offiziersmilieu zu erzählen. Petras macht daraus ein gestelztes Zeitlupen-Ballett der Anzugträger und Strumpfbanddamen, das plötzlich in eine saukomische Barockopern-Parodie kippt, wo Männer mit Dreispitz und Frauen im Reifrock zu Mandolinenklängen absurde Rezitative krächzen. Dann führen plündernde Soldaten echte Schafe und Hühner auf die Bühne, und zwischendurch zelebrieren die Akteure in getragenem Chorgesang immer wieder den Christoph Marthaler-Manierismus der 90er. Aber bei allem Witz ist diese hinreißende Allongeperücken-Gaudi zu so streng-stilisierter Künstlichkeit diszipliniert, dass durch das kostümierte Gejuxe die gespannte, angestaute Energie pulst – und dunkel spürbar wird, wie unterdrückte Aggressionen hochbrodeln, wie hinter höfischem Getue der Trieb lauert. Zumal im düsteren, enervierenden zweiten Teil, Kleists Guiskard, der im pestbedrohten Lager eines Normannenheeres spielt. Wenn die Mauer umkippt und die dann grau gewandeten Figuren auf einer Schräge mit vollem Körpereinsatz rennen, krampfen, zucken oder schamanische Tanzrituale vollführen, um ihrem Herzog eine Bitte vorzutragen, überträgt sich der lastende Schrecken einer repressiven Ordnung fast physisch auf die Zuschauer. Was natürlich auch daran liegt, dass an diesem Abend ausnahmslos Spitzenschauspieler von Wiebke Puls bis Thomas Schmauser agieren. Jede aktuelle Anspielung etwa auf Afghanistan hat Petras strikt vermieden. Und doch führt diese Inszenierung, die den Krieg nur indirekt, quasi in der Etappe zeigt, mit oft schwer erträglicher Eindringlichkeit die Deformation durch jene gewalttätigen Strukturen vor, die den Krieg als Fortsetzung eines scheinbaren Friedens erzeugen. Dass die Aufführung dabei manchmal im virtuosen Ästhetizismus der jüngst vergangenen Avantgarde-Stile erstarrt, aber auch, dass Petras’ Intensitäts-Bombardement beim Zuschauer gelegentlich Lähmung als Schutzreaktion auslöst, muss man als Preis für dieses außergewöhnliche Bühnenereignis in Kauf nehmen. Denn ein so überkonzentriertes, so mitreißendes und zugleich quälendes, funkelndes und zugleich schmerzhaftes Theater gibt es nicht allzu oft zu erleben. Tosender Applaus.

(Alexander Altmann)

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