Kultur

Wie hier am Fürther Bahnhof kamen in den ersten Kriegstagen landesweit Menschenmassen, um Soldaten an die Front zu verabschieden. (Foto: Stadtmuseum Fürth)

31.10.2014

Hungern und jubeln

Nürnberg, Fürth und Erlangen erarbeiteten gemeinsam die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die Heimatfront

Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs gehen die drei Städte des nordbayerischen Großraums, Nürnberg, Fürth und Erlangen auf den Kriegsalltag an der Heimatfront ein. Es ist ein „Historiographisches Jahrhundertprojekt“, so der Leiter des federführenden Nürnberger Stadtarchivs Michael Diefenbacher. Mit Ausstellungen in den drei Städten, vor allem aber mit dem voluminösen, über 1000 Seiten starken Aufsatzband wird in diesem einmaligen Gemeinschaftsprojekt akribisch dokumentiert, wie verheerend sich diese europäische Völkerschlacht und das massenhafte Völker-Schlachten in der fränkischen Provinz auswirkte – und wie heroisch noch immer seiner auf martialischen Kriegerdenkmäler und Ehrentafeln bis heute seiner gedacht wird.

Frauen an die Front

Mit „Hurra Krieg“ begrüßte man, in den mittelfränkischen Städten – so wie in ganz Deutschland auch – den Ausbruch dieses ersten Weltkriegs, mit dem der österreichische Satiriker Karl Kraus die Letzten Tage der Menschheit anbrechen sah. Ein patriotischer Kriegstaumel, der allerdings schnell der Ernüchterung wich angesichts der sich alsbald einstellenden Mangelwirtschaft. Es herrschte akuter Arbeitskräftemangel, weil der Krieg nach immer mehr Soldaten verlangte.
Auch die Frauen mussten an die Front – die „Arbeits-Front“. Vor allem in den rund 300 Rüstungsfabriken allein in Nürnberg brauchte man sie: Dort arbeiteten 60 000, vor allem weibliche Arbeitskräfte in der florierenden Kriegsindustrie.
In der Spielzeugstadt Nürnberg rüsteten traditionelle Spielzeughersteller (zum Beispiel die Firma Bing) auf Stahlhelme, Bombenzünder und Wurfgranaten um. Für Gott und Vaterland wurden auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt Christbaumkugeln in Bombenform oder als gläserne Mini-Stahlhelme feilgeboten.
Und die Kirchen, protestantische wie katholische, riefen zum „Heiligen Krieg“ gegen den „verhassten Feind“, für dessen Vernichtung man in den Kirchen in „Kriegsbetstunden“ den Segen Gottes erflehte.
Von der nationalen Begeisterung war übrigens in Nürnberg auch die jüdische Minderheit nicht ausgenommen: Viele jüdische Männer zogen freiwillig in den Krieg, um dazuzugehören, so dass letztlich die jüdische Bevölkerung in den drei Städten wesentlich mehr Soldaten stellte, als es ihrem Anteil entsprochen hätte.
Mit 46 Beiträgen von 32 Autoren spürt der Sammelband dem Leben während des Kriegs nach und dokumentiert mit großenteils erstmals veröffentlichten Tagebüchern, Korrespondenzen und Feldpostbriefen, ja sogar Kriegskochbüchern die Reaktionen auf den von vielen nicht als Katastrophe des gerade angebrochenen 20. Jahrhunderts empfundenen Krieg. Eine wohl für viele Städte und Regionen, nicht nur in Bayern, repräsentative Dokumentation, von der die Herausgeber sagen, dass damit für die nächsten 100 Jahre zumindest für die Region Nürnberg der Erste Weltkrieg und seine Folgen historisch erschöpfend abgehandelt sei. (Fridrich J. Bröder)

Ausstellungen
• Bis 17. Dezember: Stadtarchiv Nürnberg, Marientorgraben 8,
90402 Nürnberg. Mo. bis Do. 8.30 – 15.30 Uhr, Fr. 8.30 – 12.30 Uhr.
• Bis 11. Januar: Stadtmuseum Erlangen, Martin-Luther-Platz 9, 91054 Erlangen. Di./Mi./Fr. 9 – 17 Uhr, Do. 9 – 20 Uhr, Sa./So. 11 – 17 Uhr.
• Bis 12. April: Stadtmuseum Fürth, Ottostr. 2, 90762 Fürth. Di. bis Do. 10 – 16 Uhr, jeden ersten Do. im Monat bis 22 Uhr, Sa. 13 – 17 Uhr, So. und Fei. 10 – 16 Uhr.
Katalog: Der Sprung ins Dunkle. Die Region Nürnberg und der Erste Weltkrieg. Hrsg. vom Stadtarchiv Nürnberg unter Mitwirkung der Stadtarchive Erlangen und Fürth, des Universitätsarchivs und der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg sowie des Stadtmuseums Fürth. 1045 S., zahlr. Abb., Verlag Ph.C.W. Schmidt, Neustadt a. d. Aisch, 38 Euro. ISBN978-3-925002-52-6

Abbildungen (Fotos: Stadtmuseum Erlangen):
Bald nach Kriegsbeginn begann die Mangelwirtschaft. Lange Menschenschlangen vor Geschäften prägten das Straßenbild. Hier stehen Erlanger vor einer Ausgabestelle für Butter.

Selbst der Weihnachtsschmuck kam im Kriegsgewand daher.

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