Kultur

Jagd auf die französischen Angsthasen: So sah sich Deutschland gerne im Jahr des Kriegsbeginns. (Foto: BayHSTA)

04.07.2014

Hurra-Patriotismus und Kriegsschock

Das Bayerische Hauptstaatsarchiv zeichnet übersichtlich nach, was sich hinter den Kulissen, auf den Schlachtfeldern und an der Heimatfront im Jahr 1914 tat

Es ist, als würde man im vor Hitze flirrenden Sommerlicht die Augen zusammenkneifen: Der Blick fokussiert im diffus Verschwimmenden markante Orientierungspunkte. Der Sommer 1914 und die Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren im manchmal überhitzten multimedialen Nachflimmern heute: Da bieten das Bayerische Hauptstaatsarchiv und das ihm zugeordnete Bayerische Kriegsarchiv mit zum Teil erstmals veröffentlichen Dokumenten ein ausgesprochen nüchternes, wiewohl erhellendes Vademecum durch dieses Kapitel Zeitgeschichte, das emotional noch immer nachglüht.
Das heißt, es geht hier primär um die „Einleitung“ zum großen Weltdrama: Um den beginnenden Krieg und den Übergang in den Kriegsalltag, darum, wie Euphorie der Einsicht wich, dass dieses Schlachtengetümmel weder ein regional begrenztes noch ein kurzes, gar reinigendes Gewitter bleiben würde. Wie ein Satellitenbild, das zeigt, was sich da zusammenbraute, lassen sich die Ausstellungs- und vor allem Katalogkapitel zu Krieg! Bayern im Sommer 1914 lesen: Da sind die diplomatische Vorgeschichte, die Kriegserklärung, die Mobilmachung und die Logistik des Krieges, das Heerwesen und die Armeen in den ersten Kriegswochen, schließlich die Umstellung der Wirtschaft und die sukzessive Durchdringung des Alltags von der Kriegswirklichkeit, die auch eine bis dahin unbekannte Propagandaschlacht mit sich brachte.

Von Neidern umzingelt

Pläne für den Ernstfall lagen längst in den Schubladen, ein größerer Krieg lag in der Luft, seit der Jahrhundertwende kriselte es ständig in Europa. Mittendrin Deutschland: Auf der einen Seite verfolgten die europäischen Großmächte argwöhnisch, wie das Kaiserreich (vor allem zur See) aufrüstete und sich zunehmend tonangebend gerierte. Auf der anderen Seite glaubte sich Deutschland aus Neid auf seine wirtschaftliche Prosperität regelrecht von Feinden umzingelt – schon lange vor 1914 wurde in Deutschland diskutiert, ob es nicht Zeit für einen Präventivkrieg sei. Mit der Kriegserklärung einher ging dann auch die Version vom aufgezwungenen Krieg, von der gerechten Sache, von der „Naturnotwendigkeit“.
Das war Zunder für den Hurra-Patriotismus, der selbst aus der zeitlichen Distanz heraus den Kriegsausbruch zu begleiten schien – aber nur einen, freilich medial ausgeschlachteten Moment der tatsächlichen Stimmung wiedergibt. Hamsterkäufe und der Ansturm auf Banken, private Tagebucheinträge sprechen eine andere Sprache: Kriegsschock!
Dokumente aus Diplomatenkreisen geben seismografisch die politische Zuspitzung wieder. Sie belegen aber auch symptomatisch den grundlegenden Wandel im Gefüge Deutschlands: Das alte Gesandtschaftswesen hatte ausgedient, wurde von der Reichsdiplomatie nur mehr als lästige Staffage behandelt. Gegenseitige Informationsblockaden trugen dazu bei, dass das Ausmaß der wirklichen Gefahr auf vielen Ebenen unterschätzt wurde. Zudem hatte Deutschland, anders als die Kriegsgegener, keine zentrale Propaganda betrieben, es gab keine offizielle Informationspolitik: Da brodelte es nur so in der Gerüchteküche.
Auch wenn es Bundesstaaten wie das Königreich Bayern – das zwar noch ein paar Reservatrechte im Militär und Verkehrswesen hatte – nicht wahr haben wollten: Sie mussten sich dem Berliner Kommando unterstellen. Nicht nur, was die systematische Zentralisierung der militärischen und zivilen Kriegswirtschaft anging, sondern auch auf dem Schlachtfeld: Der Kaiser war oberster Feldherr – Kronprinz Rupprecht von Bayern ihm als Generaloberst untergeben; allerdings war die 6. Armee ein fast rein bayerisches Heer.
Dieser erste „moderne“ Krieg (England schickte mit dem Mark I den ersten Panzer aufs Schlachtfeld) erforderte eine ganz neue Logistik, ein Ressortgrenzen sprengendes Management – wunderbar konzentriert ist das im Ausstellungskatalog nachlesbar.
Im Ausstellungsraum an der Münchner Ludwigstraße wiederum ist visualisiert, wie der Krieg sukzessive das öffentliche Bewusstsein an der „Heimatfront“ bestimmte: Anschläge an Litfasssäulen mit Aufrufen zur Zeichnung von Kriegsanleihen, der Aufforderung, nur deutsche Schokolade zu kaufen und die „Liebesgaben“ für die Soldaten nicht zu vergessen, Feldpostkarten mit Bildern vom Schützengraben und Soldatenfriedhöfen, ungeöffnete Briefe, die mit Kreuz und „fürs Vaterland“ signiert an die Absender zurückkamen, Fotografien von Krieg spielenden Kindern, das Verzeichnis einer Landsturmriege mit den disparaten Vermerken „zum Militär eingerückt“ und „weggeblieben, weil ihm das Kartenspielen besser entsprach“...

Verwilderung

„Der Krieg weckt ohne Zweifel nicht blos heroische Eigenschaften, sondern auch recht üble Instinkte u[nd] wirkt überaus verrohend. Wir werden im Frieden die Folgen d[er] eingetretenen Verwilderung lange noch spüren“, notierte Kronprinz Rupprecht in sein Tagebuch – schon nach wenigen Wochen im Krieg, im September 1914. Zehn Jahre später war er in München zugegen, als im Hofgarten das zentrale Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges eingeweiht wurde: Etwa 200 000 bayerische Soldaten waren es.
(Karin Dütsch)

Bis 1. August. Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Schönfeldstraße 5, 90762 München. Mo. bis Do. 8.30 – 18 Uhr, Fr. 8.30 – 13.30 Uhr. www.gda.bayern.de

Abbildungen (Fotos: Bayerisches Hauptstaatsarchiv):
Schon bald erreichen die Daheimgebliebenen Ansichtskarten mit Motiven aus dem Frontalltag.
Derweil breitet sich Zuhause an Litfaßsäulen und Plakatwänden ein anderes Schlachtfeld aus: Der Propagandakrieg bringt bisweilen stündlich Neuigkeiten. Dazu gehört auch, wie sich Deutschland für den Krieg rechtfertigt. Schließlich lässt sich an der Werbung ablesen, wie die Wirtschaft sich zunehmend auf die Kriegswirtschaft umstellte.

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