Kultur

Karl Schmidt-Rottluffs leuchtende "Norwegische Landschaft (Skrygedal)" von 1910 stammt aus der Sammlung Lothar-Günther Buchheims. (Foto: VG Bild-Kunst)

15.05.2015

Im Bann des Expressionismus

Das Buchheim-Museum zeigt Meisterstücke aus den Sammlungen von Lothar-Günther Buchheim und Henri Nannen

Hoch zwei: Das heißt nicht nur zwei auf einen Schlag, sondern Kunstgenuss in der Potenz. Wenn das Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See jetzt Expressionismus2 verspricht, dann ist das tatsächlich eine überwältigende Fülle aus zwei Sammlungen. Mal war die eine auf Welttournee, die andere gerade auf dem Umzug ins neue Museum – aber jetzt kommt zusammen, was zusammengehört: Lothar-Günther Buchheims Bestand an expressionistischen Gemälden und Zeichnungen sowie der aus Henri Nannens Emdener Kunsthalle. Insgesamt sind das 130 Gemälde, dazu die gleiche Anzahl an Arbeiten auf Papier.
Mehr als eine interessante historische Fußnote ist der Vergleich der Lebensläufe Buchheims und Nannens: Beide studierten Kunst, interessierten sich vornehmlich für die klassische Moderne, waren mit Kunstkritiken, Offiziersporträts in die NS-Kunst verstrickt; nach dem Krieg lag ihnen an Wiedergutmachung. Und sie haben dem verfemten Expressionismus zu Weltgeltung verholfen.
Kein Name von Rang, der da jetzt bei der Expressionismus-Ausstellung fehlen würde, die beiden Sammlungen können aus dem Vollen schöpfen. Die Schau verdammt den Berichterstatter dazu, einen Höhepunkt nach dem anderen aufzuzählen, Schwerpunkte werden ganz subjektiv ausfallen.

Thematisch gegliedert

Immerhin durchschaut man schnell, dass die Ausstellung nach Motivgruppen zusammengestellt ist: Die thematische Hängung beginnt mit allem, was mit Meer und Strand zu tun hat, auch mit Max Liebermanns spätimpressionistischem Reiter am Strand, setzt sich mit Karl Schmidt-Rottluffs Heimkehrenden Booten fort, wo sich die Adaption von primitiver Kunst und Kubismus ankündigt. Der Rundgang erzählt vom Meer, vom Wald, in dem sich Ernst Ludwig Kirchners Spaziergängerinnen in ihren grünen Kostümen kaum von dem grünen Dschungel abheben.
Diese thematische Gliederung bietet viele interessante Einsichten und Vergleiche – eine chronologische Hängung wäre nur pedantisch gewesen, eine Gliederung nach Malern genauso. So aber erfährt man, welche Motive die Expressionisten angezogen haben, um ihr Innerstes nach außen zu kehren. Selbst auf so riesenhaften Bildflächen wie einem Bühnenbild von Kirchner. Das hat er für eine Choraufführung in Davos gemalt (Berglandschaft, 1920): mit grünen Berghängen, rosafarbenen Bäumen, einem von Wolken verdüsterten Stück blauen Himmels – das alles kann man sowieso nur aus gehöriger Entfernung erfassen. Und braucht sich nur umzudrehen, um mit Großer Wald Kirchners Pendant zu sehen: mit den gleichen malerischen Mitteln wiederum diese steil abstürzenden Hänge, die wie ein Absturz des eigenen Gefühls- und Existenzpanoramas wirken.
Die vielen Aktbilder vermitteln allesamt ein Gefühl der Befreiung, ein lustvolles Aufgehen in der Natur: mitten in den politischen, wirtschaftlichen Zwängen der Zwanzigerjahre sind das bei Otto Mueller, Max Kaus Inseln, auf denen man dem verlorenen Paradies wiederbegegnet: „sensible Sinnenhaftigkeit“, hat Buchheim das genannt oder Muellers Malerei als „unmittelbar berührende Schilderungen“ bezeichnet.
Es sind nicht nur die großen Formate, die in den Bann des Expressionismus’ ziehen. Deutliche Kunstbekenntnisse sind besonders die Holzschnitte mit ihrer komprimierten Reduktion auf typisch expressionistische Motive.
Wenige Schritte weiter begegnet man der glühenden Farbigkeit von Emil Noldes Blumenstilleben – Generationen von Epigonen haben damit noch ihr Geld verdient.

Lauter Berühmtheiten

Der Blick von der Empore vermittelt einem gleich daneben das Gefühl, in ein wahres Schatzhaus der klassischen Moderne zu blicken. Weithin leuchten die Akte durch den Raum. Und dabei hat man gerade die Hälfte der Ausstellung gesehen. So ist es eigentlich mit einem einzigen Besuch nicht getan, wenn man Josef Scharls Gesellschaftskritik noch würdigen will (etwa wenn Adolf Hitler als Kellner die Bettler aus dem Lokal weist). Oder Karl Hofers stereotype Marionettenkörper von zwei Tiller Girls.
Berühmte Bilder sind sie alle, von den beiden Sammlern mit viel Kunstverstand ausgewählt. Die Schenkungen des Münchner Galeristen Otto van de Loo ziehen die Linie dann noch in die Nachkriegskunst eines Asger Jorn. Auch damit klingt das intensive Berührtsein von all diesen Meisterwerken noch lange nach. (Uwe Mitsching)

Bis 5. Juli. Buchheim Museum, Am Hirschgarten 1, 82347 Bernried. Di. bis So. und Fei. 10 – 18 Uhr.
www.buchheimmuseum.de

Abbildung:
Aktueller Wechsel in der Ausstellung: Franz Marcs Blaue Fohlen (1913) sind aus der Kunsthalle Emden nach Feldafing gekommen. Dafür hat man Heckels Der schlafende Pechstein nach Berlin entliehen.

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