Kultur

Die Salzburger Hofstallgasse ist eines der schönsten Pausenfoyers. (Foto: Haseke)

03.08.2012

Im großen Bunten am Bratwurststand

Spektakuläre Inszenierungen, grandiose Stars – Festspiele bieten aber noch mehr: Zum Beispiel das Pausenvergnügen

Der Tipp nicht für schwitzende Extrembergsteiger, sondern für die heißen Pausen der Bayreuther Festspiele: Kalter Thymian- oder Salbei-Lindenblüten-Tee, am besten schon am Vortag von Tannhäuser oder Parsifal getrunken. Das rät zumindest der Ernährungsexperte Popov im Internet. Für die noch längere Münchner Festspiel-Götterdämmerung gab es solche Pausentipps nicht – auch kein kaltes Kneipp-Becken wie in Bayreuth nördlich vom Festspielhaus (ausgeschildert), wo zudem Picknickmöglichkeiten bestehen, für die man „fränkische Johannisbeeren, Karotten oder Käsewürfel“ vorbereiten und westlich vom Wagner-Festspielhaus auf den „festival-lawns“ à la Glyndebourne mümmeln könnte. Salzburg lässt seine Gäste ratlos schwitzen (oder im Schnürlregen stehen); aber dafür gibt es dort auch keinen Wagner – zumindest in diesem Jahr.
Die Pause ist nur das zweitwichtigste Thema bei Festspielen: zuerst kommen Besetzungen und Absagen, Farben und Dekolletees der Damenroben. Aber schon daran knüpfen sich wichtige Entscheidungen: Wer sich im „großen Bunten“ mit kühlendem Tee nicht auf die Wiese setzen will, sollte in Bayreuth sein Pausenmenu schon Anfang Juli vorbestellen.
Je eine Stunde Pause genügt, um im weiten Restaurant-Rechteck Gänseleber, Hummer oder gar „Rinderfilet mit Schneckenrahmsauce“ zu speisen. Gottlob verzichtet man dort auf wagnerspezifische Kreationen wie Rheingold-Waller oder Mime-Mozarella. Preisvergleiche führen dann vielleicht doch lieber zur fränkischen Bratwurst an 12 Verkaufsständen. Oder man stellt Hitlisten auf: Der halbe Hummer der Münchner Festspielpause kostet 5 Euro mehr als sonst, liegt aber immer noch 4 Euro unter der Bayreuth-Hälfte. Ein Anruf bei Feinkost-Käfer könnte auch klären, was „glasierte „Ur“-Möhren“ sind. Wer sich gern die 40 Jahre alte Rosenkavalier-Inszenierung von Otto Schenk anschaut, wird in München auch am Pausen-Oldie „Eis mit heißen Himbeeren“ Gefallen finden.

Sicht ins Großstadtgewusel


Ansonsten verdünnt sich die Auswahl der Pausenofferten mit der Höhe der Ränge. Salzburg vertröstet mit Würsteln und Häppchen in eher schmaler Auswahl auf das Leben und den Abend nach La Bohème oder Carmen: eilends ins „Triangel“ gleich nebenan, den „Goldenen Hirschen“ oder zu exklusiven Zirkeln bei Sacher & Co – ohne Reservierung (wenn man eine kriegt) keine Chance!
Aber im Moment stehen wir noch die Pausen durch: Die dienen in München dazu, sich vom Abgasangriff er erholen, der vor der Vorstellung vom Busbahnhof Max-Josephs-Platz wolkengleich zum hoffentlich CO2-resistenten Festspielpublikum emporgestiegen sind – Hauptsache: der Shopper aus Fernost wartet im Kühlen. Aber Festspiel muss sein auf dieser Nationaltheater-Schautreppe mit Sicht ins Großstadtgewusel.

Zeit fürs Glaserl Schampus

Zu Bayreuths exklusiver Stadtrandlage ist man dagegen hingepilgert und schaut dann auf Franken herunter (wie die Festspielchefin). Münchens Festspiele erreicht man per U-Bahn und wechselt die Schuhe (höhere Absätze) und das Collier (jetzt echt) für die Pause. Lässt urbanes Leben in zwei Rosenkavalier-Pausen vorbeiparadieren, schaut auf potemkinsche Baudörfer – wenigstens das Max-Josefs-Denkmal bietet sich dem Blick der Pausenbummler unverrückt und unverhüllt. In Bayreuth tut’s Arno Brekers Hitler-, pardon Wagner-Büste.
Salzburgs Pausen (und Parkplätze) sind kein ideologisches, eher ein logistisches Problem. Die Vielfalt des Vorstellungsbeginns von Großem Festspielhaus, Haus für Mozart und Felsenreitschule macht’s möglich: irgendwann ist immer Pause, fahren die Audi-Shuttles oder die grünen Busse. Wer Glück und eine zweite Pause hat, genießt dann aber den schönsten Blick aller drei Festspiele: über das schnöde irdische Gewimmel der Hofstallgasse hinauf zur Festung im Mondschein, der sich (vielleicht) auch über die kulissenhaft aufgereihten Türme von Dom, St. Peter und Kollegienkirche ergießt: Vor Bewunderung bleibt da ohnehin nicht mehr Zeit als für einen kleinen Braunen oder das Glaserl Schampus.
Der Säulenmonumentalität des Großen oder dem Swarowsky-Glitzer des Kleinen Festspielhauses drehen Festspielpausiers in Salzburg ohnehin den Rücken zu, wollen sehen und gesehen werden – auch von den Zaungästen hinter dem Gitter längs der Universität. Solche Pausenschau von draußen und ohne Karte ist in Bayreuth für Einheimische und Touristen auf Kaffeefahrt ein beliebtes Vergnügen. In München eher kein Thema: Da stehen sich spätestens in Pause 2 die Festspiel-Sekttrinker oben zwischen den ionischen Säulen und unten auf dem Asphalt gegenüber.
Schöne Blumenbuketts für die Festspielpausen gibt es zwar in München (diesmal sehr pur mit weißer Calla auf grünen Stengeln) und Salzburg, aber nun wirklich nicht in einer Hauptrolle. Schon 14 Tage aber vor Festspielbeginn in Bayreuth mit bestens gepflegten, blühenden Rabatten, gestylt in Rosa und Weiß wie Elsas Brautschleier in Inszenierungen von anno dazumal.

Veltliner am Biergartentisch

Leidig wie immer die Toilettenfrage, verschärft durch die langen, komplizierten Roben. Die verlängern Verweildauer und Pausenschlangen. Und wenn man nicht wie in Bayreuth auf den Kiosk gegenüber ausweicht oder die volle Wagner-Stunde hat, bleibt für Damen kaum noch Zeit für den halben Hummer oder ganzen Hunger.
Eigentlich will in der Pause niemand sitzen, wenn bei Götterdämmerung-Vorspiel samt erstem Akt schon zwei Stunden gedauert hat: Da haben in München die Stehplatzsteher erstes Pausen- Anrecht aufs Bankerl, in Salzburg (im wesentlichen ohne Stehplätze) höchstens Gehbehinderte. Auf dem Spaziergang ums Bayreuther Festspielhaus gibt es allein drei Bänke, die von einem „P.S.M.“ der „Festspielleitung“ gewidmet wurden: Da bewährt sich Frankens Hintersinn. Für einen agilen Pereira oder Bachler wäre das ohnehin nichts, aber Jürgen Flimm konnte man zur Pause schon auf einer der begehrten Biergartenbänke in der „in-location“ Triangel einen grünen Veltliner trinken sehen: Da hatte er drei Festspielhäuser und alles andere im Blick und Griff. (Uwe Mitsching)

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