Kultur

In Bewegung zwischen Himmel und Hölle sind nicht nur der Brandner Kasper und der Boandlkramer (Werner Rösch), sondern auch das Publikum, wenn es im Schloss Hohenegebraching die Fortsetzung des Volkstheater-Klassikers verfolgt. (Foto: Meinelt)

05.06.2015

Im Himmel ist’s zu fad

Joseph Berlinger hat die Geschichte vom Brandner Kasper weitergeschrieben: Am 26. Juni findet die Premiere des Stücks statt

Ist das ambitioniert, übermütig, frech oder schlicht eine logische Konsequenz von Neugier auf ein Leben nach dem Happy end – und nach dem Ende überhaupt? Die Frucht eines barock-katholisch umseiften Lebens, in dem einem der handfeste, sinnliche Patsch-Glaube mit all seinen Engeln und Heiligen, dem Tod und dem Flammenschwert, so eindringlich entgegenprangt? Franz von Kobells Geschichte vom Brandner Kasper, bekannt vor allem in seiner Theaterfassung von Kurt Wilhelm, ist überaus populär. Im Münchner Volkstheater ist es ein Dauerbrenner. Heuer ist er wieder einmal zu sehen in Wunsiedel, auch in Feuchtwangen steht er auf der Bühne. Sogar eine schwäbische Fassung gibt es, obwohl die Geschichte zu Protestantismus und Pietismus eigentlich nicht passt.

Ohne Bier geht’s nicht

Und jetzt gibt es die Fortsetzung der G’schicht: Der Brandner Kasper in der Hölle von Joseph Berlinger. Ist das dreist? Oder musste das einfach einmal gemacht werden? Es musste. Es scheint sogar, als habe Berlinger einen nicht geringen Spaß an der Verblüffung darüber, dass sich da einer an einen Stoff heranmacht, „der so vollkommen ist, dass es eigentlich nur schlechter werden kann“. Und dennoch: „Dem wollte ich mich stellen.“ Da kennt der Belinger nichts. Dem Stück über den Glauben wohnt die Gläubigkeit inne, dass man es weitererzählen kann. „Und ich glaub’ dran“, sagt Berlinger, „dass es funktioniert.“
Also hat Berlinger die Geschichte vom Brandner nach seiner glücklichen Einfahrt ins jenseitliche Paradies weiter geschrieben und in schönem wahren Wortsinn Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Übrigens auch, um sein Stück auf die Bühne zu bringen. Da durchlebt mann dann freilich mehr die Hölle: Finanzierung, Spielersuche, Platzwahl, Ausstattung, Beleuchtung, Bestuhlung, Bühnenbild und was nicht noch alles. Ein logistischer Zehnkampf, der nun in einer Uraufführung im Alten Schloss Hohengebraching südlich von Regensburg mündet. Premiere ist am 26. Juni.
Noch wird geprobt. Berlinger arbeitet gern mit gelernten und ungelernten Schauspielern zusammen. Mit dabei sind beispielsweise Eva Sixt als Gottesmutter Maria und auch als Dramaturgin, Werner Rösch als Boandlkramer, die Rolle des Brandner Kasper hat Burchard Dabinnus. Mit von der Partie ist auch Egon Johannes Greipl, bis vor kurzem Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Die beiden kennen und schätzen einander seit den Tagen von Berlingers Regensburger berühmt-berüchtigtem Dollingerspiel, das Mitte der 90er Jahre manche Leute arg vergrätzte.
Joseph Berlinger bürstet gern gegen den Strich. Ihn durchwerkt ein ironisches Lächeln. „Es is furchtbar fad da herobn“, schimpft also der Brandner Kasper nach längerem Einblick in die paradiesischen Zustände und ähnelt darin dem Münchner im Himmel. Und tatsächlich „spielt das Bier auch eine Rolle“, sagt Berlinger. Das Schloss ebenso. Die Paradiesszenen finden im Schlosshof an verschiedenen Spielorten statt, das Publikum wandert mit. Derlei hat Berlinger auch schon im Schlossgarten Alteglofsheim vollführt, als er an die Napoleonischen Schlachten vor 200 Jahren erinnerte.

Der Kasper, ein Anarchist

Zuletzt geht es in die Hohengebrachinger Hölle. Klimatisch bedeutet das natürlich einen deutlichen Wechsel. Aber im Gegensatz zur allgemeinen Vorstellung von züngelnden Flammen und sengender Sorge ist es in der Berlinger-Hölle recht kühl. Sie hat er in den Schlosskeller platziert, weshalb sich die Mitnahme wärmender Kleidung empfiehlt. Dann steht einer Art bajuwarischer Welterkenntnis auch in überirdischen Gefilden nichts mehr im Weg. Denn der Brandner, der alte Fuchs, ist ein Urbayer nicht nur im Sinne prall-sinnlichen Katholizismus’. Sondern auch ein kernkantholziger Anarchist. (Christian Muggenthaler)

Abbildung:
Die Geschichte vom Brandner Kasper sei ein vollkommener Stoff, sagt Joseph Berlinger, und doch reizt es ihn, noch eins draufzusetzen.

Der Brandner Kasper in der Hölle. Altes Schloss Hohengebraching. 26. bis 28. Juni, 3. bis 5., 10. bis 12., 17. bis 19. Juli.

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