Kultur

Reli Avrahamis Szene, in der Frauen unterschiedlicher Generationen zur Toilette versammelt sind, wirkt wie eine ausgefeilte Inszenierung. (Foto: Avrahami)

20.08.2010

Im Schoß der Lieben

Eine Fotoausstellung im Jüdischen Museum München zeigt Familienszenen zwischen Intimität und Öffentlichkeit

Sie sitzen nicht im selben Boot, sondern sie stehen darin: Ein typisches Gruppenfoto vom Familientreffen hat Oded Hirsch an einen ungewöhnlichen Ort verlegt. Die (Kibbuz-)Familie posiert aufgereiht in einem großen Kahn auf einer glatten Wasserfläche. Erschreckend präzise, witzig und ungeheuer symbolträchtig bringt diese – noch dazu leicht zitternde – Video-Projektion die Verbindung von Labilität und Geborgenheit zum Ausdruck, für die die Familie steht.
Zu sehen ist das Film-Bild in der Ausstellung Family Files (Familienalben) im Jüdischen Museum München, das damit seine diesjährige Themenreihe zur Fotografie fortsetzt. Nach Rückblicken auf die jüdische Foto-Geschichte sind jetzt Foto- und Videoarbeiten israelischer Gegenwartskünstler zu sehen, die sich dem weiten Feld der Familie widmen – teils in dokumentarischer Weise, teils in fiktiven Bild-Erzählungen.
Die klassische Rollenverteilung von Mann und Frau in der Familie thematisiert beispielsweise Oded Hirsch in einer unbetitelten Arbeit von 2008: Im Hintergrund eines Interieurs sieht man da leicht verschwommen eine junge (Haus-)Frau am Tisch Gemüse schneiden, während den Vordergrund ein junger Mann mit nacktem Oberkörper ausfüllt, der gelbe Farbe, vielleicht aber auch Senf auf sein Gesicht gestrichen hat. Ist er ein Kämpfer mit Kriegsbemalung oder bloß ein armes Würstchen? In einem heimtückisch-witzigen Rätselbild werden hier die Grenzen der Geschlechterrollen verwischt.
Der besondere Reiz vieler Werke besteht aber auch darin, dass sie den Widerspruch zwischen Intimität und Öffentlichkeit bewusst sichtbar machen, der für Familienfotos charakteristisch ist: Reli Avrahami etwa zeigt eine Hotelzimmer-Szene, wo sich Frauen verschiedener Generationen bei der Toilette helfen: Ein Mädchen färbt einer älteren Frau die Haare, eine andere wartet im Bademantel, eine vierte sieht versunken zu. Der vermeintlich dokumentarische Schnappschuss des Typus „Frauensachen“ oder „Vor dem Fest“ könnte genauso gut eine ausgefeilte Inszenierung sein.

Wohnliches Museum

Aber gerade diese Verunsicherung macht dem Betrachter bewusst, dass die Familie und das Bild von ihr natürlich immer auch ideologisch aufgeladen sind.
Gemütlich ist es in der oft überraschend komischen Ausstellung trotzdem. Ein Hauch von Wohnzimmer weht nämlich durch die Räume des Jüdischen Museums: Dezent verteilte Teppiche und Sitzmöbel deuten augenzwinkernd die familiäre Atmosphäre an, die zum Thema der Ausstellung passt. (Alexander Altmann)

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