Kultur

Ganz schön heiß: Dem Klischee des damals populären amerikanischen Sex-Appeals entsprechen diese drei Frauen in Leo Birkmanns Gemälde Buntes Gewerbe, das der Ausstellung in der Kunstvilla auch den Titel gab. (Foto: Kunstvilla)

19.08.2015

In fränkischen Boudoirs

Die erste Ausstellung in der Kunstvilla Nürnberg widmet sich dem "Bunten Gewerbe"

Dem sprichwörtlichen fränkischen Biedersinn sind auch Boudoir und Bordell, Rotlichtmilieu und Amüsierviertel und die bunte Welt des bunten Gewerbes nicht fremd. Buntes Gewerbe ist denn auch der Titel der ersten Sonderausstellung der neuen städtischen Kunstvilla Nürnberg, die sich der Sammlung und Dokumentation fränkisch-nordbayerischer Kunst von 1900 bis zu Gegenwart verschrieben hat.
Die Ausstellung greift ein Kapitel aus der jüngeren Geschichte der Villa auf, die sich der jüdische Hopfenhändler und Bankier Emil Hopf 1895 in den Pegnitz-Auen der Nürnberger Marienvorstadt erbaut hatte. 1941 fiel das neobarocke Gebäude der Arisierung der Nazis zum Opfer und wurde nach dem Krieg zeitweise zum Stundenhotel, nicht zuletzt für die amerikanischen „Besatzer“, die im nahe gelegenen Bavarian Hotel am Bahnhofsplatz abstiegen.
Das titelgebende Gemälde Buntes Gewerbe von 1949 des Nürnberger Künstlers Leo Birkmann (1911 bis 1983) zeigt drei halbnackte Frauen in lasziven Posen – zurechtgemacht sind sie ganz im Klischee des amerikanischen Sex-Appeal.

Hinter der Fassade


Wie überhaupt die Ausstellung mit ihren 50 Arbeiten (von 47 fränkischen, vorwiegend Nürnberger Künstlern) ein fränkisches Sittengemälde malt, das den Blick auf „Glanz und Elend hinter der bürgerlichen Fassade“ (so der Untertitel) wirft. Diese bürgerliche Fassade begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu bröckeln, auch in Nürnberg, der damals größten Industriestadt Bayerns, die sich zur Großstadt mauserte und damit in die Moderne aufbrach: Der Großstadtmensch wollte sich amüsieren und ging ins Varieté, aufs Volksfest, zur Tierschau, in den Zirkus und auf den Rummelplatz.

Hauch von Exotik


Und das spiegeln die Bilder dieser Ausstellung wider, deren früheste Beispiele das Vorstadtkarrussell (Andreas Bach, 1920), die Musikanten (Hans Krieg, 1920), die Schwabacher Kirchweih (Carl Rohmer, 1928) oder das Affentheater (Andreas Bach, 1920) und das Marionettentheater (Thomas Bachmeier, 1930) zeigen.
Gaukler und Harlekine bevölkern die künstlerisch umgesetzte Szene und das Fahrende Volk (von Franz Vornberger) vermittelt einen impressionistischen Hauch orientalischer Exotik.
Dann wirds intim: der Ziehharmonikaspieler (August Mayer-Lenoir , 1930) spielt für eine Dirne auf und die Dame an der Laterne (Erwin Oehl, 1947) wartet auf Kunden. Die Fürther Künstlerin Chris Bruder schließlich lässt eine bis ins Intimdetail fotorealistisch gemalte nackte Dame Die Haut zu Markte tragen (1997), während Pirko Julia Schröder den Genius loci aufgreift und in ihrer Rauminstallation Nasszelle (2009) eine der Duschkabinen nachbaut, die in den Etablissements des ehemaligen Stundenhotels, das die Kunstvilla einst war, für die gebotene Hygiene sorgten. (Fridrich J. Bröder)


(Bis 4. Oktober. Kunstvilla, Blumenstraße 17, 90402 Nürnberg. Mo. bis Do. 8.30 – 15.30 Uhr, Fr. 8.30 – 14 Uhr. www.kunstkulturquartier.de)

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