Kultur

Mit beeindruckenden Bildern zeichnet der Film ein Porträt Adalbert Stifters (Christoph Maltz): Die Schneekatastrophe des Winters 1866 spiegelt sich in der Psyche des Schriftstellers, der zwei Jahre später Selbstmord beging. (Foto: Film)

10.10.2014

In weißer Finsternis

Petra Morsbachs Film über den 1866 in Lackenhäuser eingeschneiten Adalbert Stifter

Manchmal gibt es Vorhaben, die muss man einfach machen. Auch wenn alle davon abraten. Eine solch fixe Idee war für die Romanautorin Petra Morsbach der Plan, einen Film über Adalbert Stifter zu drehen. Ohne Filmfirma im Rücken, ohne ausreichende Finanzmittel und mit nur geringer Dreh-Erfahrung ging sie ihr Projekt in Art der Autorenfilmer an. Nach dem Motto: Wenn man schon nichts hat, macht man halt gleich alles selber – Drehbuch, Regie, Produktion. Denn: Die klare Vorstellung von dem Film hatte sie auf jeden Fall.

Lackenhäuser, ein Seelenort

Die muss der Autorin vor Augen gestanden sein, seit sie das erste Mal Lackenhäuser sah, jenen Weiler hoch droben am Fuße des Dreisessels. Im dortigen Rosenberger Gut eines befreundeten Kaufmannes war Stifter oft, dort entstanden Teile des dreibändigen Bildungsromans Nachsommer (1857) und des historischen Romans Witiko (1867). Seine ganze Seele hänge an der dortigen Gegend, schrieb er.
Und das trotz – oder vielleicht gerade wegen – eines Erlebnisses, das zur größten Krise in Stifters Leben führte. Er durchlitt dort ein Naturereignis apokalyptischen Ausmaßes: 72 Stunden lang soll es ununterbrochen geschneit haben, in jenem Winter 1866, der den Rahmen von Petra Morsbachs Film Der Schneesturm abgibt. In 1000 Jahren werde so etwas nicht wieder vorkommen, schrieb Stifter in seiner Erzählung Aus dem bairischen Walde.
Die dort heraufbeschworene „weiße Finsternis“ setzt Kameramann Michael Wolf in grandiose Naturbilder um, teilweise mit Überblendungen und Verfremdungen arbeitend. Denn eines soll klar werden: Im Grunde handelt es sich um innere Seelenbilder desjenigen Mannes, der nur mehr eineinhalb Jahre hatte, bis er sich eigenhändig die Halsschlagader durchschnitt.
Stifter war gegen Ende seines Lebens ein Zerrissener und wahrscheinlich tief unglücklich. Nur ließ er davon nicht das Geringste nach außen dringen. Ein sanfter Wahnsinn muss in ihm gewütet haben, der sich höchst beeindruckend im Gesicht von Christoph Maltz widerspiegelt. Normalerweise leitet Maltz das Puppentheater Larifari in Regensburg, hier gibt er – mit dem typischen Backenbart des Originals – einen überzeugenden Stifter.
Und zwar einen nicht in der Midlife-, sondern in der Endlifecrisis. Frust-Esser Stifter hatte große gesundheitliche Probleme, das kinderlose Eheleben mit Amalie war freudlos und trist, ein ins Haus genommenes Ziehkind beging wahrscheinlich Selbstmord.
Auch als Schriftsteller ging es bergab. Während seines Eingeschneitseins schrieb Stifter die Erzählung Der fromme Spruch, in der es um die strikte Bändigung aller Gefühle geht. Petra Morsbach durchschießt die Lackenhäuser-Rahmenerzählung nicht nur mit Bildern vom Ehealltag in Linz, sondern auch mit Szenen aus jenem Frommen Spruch, die allerdings seltsam hölzern wirken.
Der reale Text wurde damals zur Publikation abgelehnt – etwas, was Stifter bis dahin noch nie erlebt hatte. Was man ihm vorhielt – das alles sei unsäglich langweilig, steif und unnatürlich –, imaginiert der Autor im Film als einen gehässigen Kritikerchor, der ihn in kreiselnden Bewegungen immer tiefer in den schon meterhoch aufgetürmten Schnee sinken lässt: Stifter als gescheiterter Mensch und abgelehnter Autor, über den ein gnadenloser Schneesturm hinwegbläst. (Bernhard Setzwein)

Der Schneesturm. 56 Minuten. R: Petra Morsbach. K: Michael Wolf, Moritz Gronau. D: Christoph Maltz , Melli Sasic u.v.a. DVD mit Hintergrundinfos unter: www.derschneesturm.de.
Filmpräsentationen: 12. Oktober Münchner Arena Filmtheater, 19./ 20. bis 22. Oktober Regensburger Andreas–Stadl, 31. Oktober Monigottsöd bei Passau. Außerdem im Museum „Stifter und der Wald“, Rosenberger Gut, Lackenhäuser 144, 94089 Neureichenau. Mi. 9 – 12 Uhr, Sa. 13 – 17 Uhr, So. 11 – 18 Uhr.

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