Kultur

Eine Ausstellung, die von der Beziehung zwischen Künstler und Sammler bestimmt ist: "Capriccio" nennt sich die Schau mit Bildern von Oskar Kokoschka in Feuchtwangen. (Foto: Fränkisches Museum)

04.08.2014

Intime Begegnung gegen das Vergessen

Der Feuchtwanger "Kultursommer" zeigt eine umfassende Kokoschka-Austellung

Ausnahmsweise fängt man bei dieser Ausstellung vielleicht mit dem Leihgeber an. Denn Heinz Spielmann war mit Oskar Kokoschka freundschaftlich verbunden, in seiner umfangreichen Kunstsammlung war Kokoschka immer ein Schwerpunkt, und es ist ihm ein Anliegen, das Andenken an den Künstler wach zu halten: auch mit der aktuellen Ausstellung in Feuchtwangen, die dort im schönen Fränkischen Museum als „Kunstsommer" firmiert und Capriccio heißt.

Wie bei allem in diesem Museum legt die Leiterin Susann Klemm viel Wert auch auf die ästhetische Aufbereitung, auf klare Gliederung und Übersichtlichkeit. Immerhin kann sie 80 Werke Kokoschkas zeigen, und das ist gut so: Denn der 1980 in Montreux verstorbene Künstler ist zwar nicht aus den Kunstführern und Kunstgeschichten, aber aus dem Bewusstsein des Kunstpublikums verschwunden.

Dabei war Kokoschka derjenige, der in den 50er, 60er Jahren etwa bei seinen Salzburger Sommerkursen Generationen von jungen Künstlern „das Sehen" beigebracht hat: Nur nicht auf die Leinwände oder das Papier schauen, sondern immer auf den Gegenstand! In den Jahrzehnten zuvor war er wie nur wenige mit der Entwicklung der Moderne verbunden – natürlich deswegen auch von den Nazis verfemt.

So interessant wie sein Leben ist auch diese Ausstellung: von 1912 bis 1914 war Kokoschka mit Alma Mahler liiert, das gemeinsame Kind wurde abgetrieben, was ihn ein Leben lang belastete. 1938 hat er Olda Palkowska geheiratet, ist mit ihr nach London emigriert. Schon 1910 war er Mitglied der Gruppe „Sturm" gewesen – aber sonst sein Leben lang eigentlich künstlerischer Einzelgänger.

Im Wien vor und nach dem Ersten Weltkrieg betrieb er Psychoanalyse auf der Leinwand, vom Exil aus war er ein scharfer politischer Karikaturist. In München war er als „entartet" an den Pranger gestellt und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vaterfigur für die nicht-abstrakte Kunst in beiden deutschen Staaten.  Da kommt eine Menge Biografie zusammen, wenn man 94 wird. Nicht zu vergessen auch sein expressionistisches Drama Mörder, Hoffnung der Frauen: ein Dauerbrenner in Kellertheatern.

Zwischen den Polen Leben und Tod spielt sich auch das ab, was hier in Feuchtwangen in schöner Auswahl zu sehen ist: Themen wie L’enfant de Bethlehem als Ausdruck seiner ewigen Sehnsucht nach dem eigenen Kind und als Anklage des Kriegs, das Neugeborene , das Elternpaar mit Kind – als Gegenpol das Totenbett.

Reiseeindrücke bestechen durch den scharfen Blick auf prägnante Szenen (Marrakesch), die Tierbilder sind zum Teil Illustrationen von Fabeln, wobei der Urvater der Fische an den Butt von Günter Grass erinnert. Auch damit kommt man doch immer wieder zurück zu den Selbstbildnissen Kokoschkas. So hat man ihn in Erinnerung: wie auf dem Blatt von 1966 Selbstbildnis mit Statuette. Dieses lange, schmale, kantige Gesicht, unverkennbar mit den wachen Augen und in der unruhigen Linienführung. Besonders anrührend ist das Selbstbildnis von 1975, das ihn fast blind zeigt: ein ansonsten leeres Blatt - als wollte der Künstler zeigen, was alles er nicht mehr sehen kann, wo genau das doch der Urgrund seiner Kunst war. Daneben dann das Bildnis mit Brille: nach der Operation, wie er sich zwinkernd die Welt wieder erschafft. Auf den Kinderbildern erkennt man kunstgeschichtliche Entwicklungen: fast ein wenig kubistisch 1923 ein Sitzendes Mädchen, in der weichen Linienführung der Dreißigerjahre die Zwei lesenden Mädchen und in seinem typischen Spätstil die Zwei Mädchen mit Taube.

Immer wieder stößt man auf die Bezüge zwischen Sammler und Künstler: verschenkte Probedrucke, Widmungen an das Ehepaar Spielmann. Dieser persönliche Bezug prägt die Ausstellung und macht sie zu einem intim-unaufdringlichen Erlebnis. (Uwe Mitsching)

Bis 17. August. Fränkisches Museum, Museumstraße 19, 91555 Feuchtwangen. Tgl. außer dienstags 11 - 20.15. www.fraenkisches-museum.de

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