Kultur

In "Wir sind jung, wir sind stark" überzeugt Jonas Nay als Sohn eines Lokalpolitikers, der in der Krawallszene kräftig mitmischt. (Foto: Hofer Filmtage)

24.10.2014

Jung und stark

Zum Auftakt der 48. Internationalen Hofer Filmtage geht es international politisch zu

Zum 48. Mal hat Heinz Badewitz zu den Internationalen Hofer Filmtagen (21. bis 26. Oktober) geladen. Für sechs Tage wird tatsächlich dem von Wim Wenders kreierten Slogan „Hof ist Home of Films“ Leben eingehaucht – bevor für die einheimischen Kinogänger wieder die cineastische Dürreperiode beginnt.
Mit einem echten Hammer startete das Filmfest. Wir sind jung. Wir sind stark, der zweite Spielfilm von Burhan Qurbani (1980 geboren) thematisiert ein politisches Ereignis, das – besonders im Gedenkjahr des Mauerfalls – vor lauter Freude über die Wiedervereinigung schon wieder in tiefer Versenkung verschwunden ist: Es geht um den 24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen.
An diesem Tag ging ein zehnstöckiger Plattenbau, der vor allem von vietnamesischen Asylbewerbern bewohnt wurde, in Flammen auf – von wenigen Rechtsradikalen verursacht, von Polizei, Feuerwehr und Stadtverwaltung nur halbherzig beobachtet und vom zahlreichen kleinbürgerlich-proletarischen Mob lautstark mit Anfeuerungsrufen und rhythmischen Klatschen unterstützt.
Qurbanis Film vermeidet eine bloß nachgestellte Dokufiktion – er setzt künstlerische Akzente. Über die Hälfte des Films ist in Schwarz-Weiß gedreht und zeigt den Alltag einer sechsköpfigen Gruppe arbeitsloser junger Erwachsener. Es sind die unterschiedlichster Typen: vom gewalttätigen Nazi-Einpeitscher über einen nichtsnutzigen Zappelphilipp zu einem ambivalenten Mitläufer. Der aber wirft am Abend – der Film wechselt zur Farbe – den ersten „Molli“ in eine Wohnung, in der Vietnamesen wohnen. Mehrere geschickt miteinander verknüpfte Handlungsstränge, häufig elliptisches Erzählen, die leitmotivisch eingesetzten Flaschensammlerkinder und fast schon zu exzessiv eingesetzte Kranfahrten dokumentieren die angenehme künstlerische Überhöhung des reinen politischen Hintergrunds.
Die traditionelle Retrospektive der Hofer Filmtage ist dem sechzigjährigen israelischen Filmemacher Eran Riklis gewidmet, der in seinen neun für Hof ausgewählten Werken die schwierige Koexistenz von Israelis, Palästinensern und Arabern gestaltet. Notgedrungen sind diese Filme von Politik und Krieg dominiert und reichen von der Utopie bis zum Scheitern eines gemeinsamen Zusammenlebens.
Davon erzählt auch der 1973 im Irak geborene Regisseur Shiar Abdi in seinem zweiten Spielfilm Der Weg nach Aleppo. Doch jetzt ist der Konflikt innermuslimisch begründet, denn es geht um den Kampf zwischen Regierungstruppen und sich als revolutionär verstehenden Freiheitskämpfern in Syrien. Der Film wurde im Frühjahr 2013 in Kurbane gedreht, weil das umkämpfte Aleppo als Drehort lebensgefährlich war. Im Herbst 2014 wäre die Dreiecksgeschichte der Bloggerin Nora, des Freischärlers Youssef und des Deutsch-Syrers Ronny auch in der syrischen Grenzstadt nicht mehr möglich gewesen. So dokumentiert dieser Film auch das Vergehen der Zeit, wohl die originäre Aufgabe von Filmen.
Der undotierte, allerdings mit einem individuellen Rosenthal-Objekt bedachte Filmpreis der Stadt Hof geht diesmal an den Regisseur Chris Kraus, der vor mehreren Jahren mit seinem furiosen Film Vier Minuten nicht nur deutschlandweit Aufsehen erregte. Durch ihn wurde Kraus in die erste Reihe ernstzunehmender deutscher Kinofilm-Regisseure katapultiert. Man wünschte sich, er würde und könnte öfter sein cineastisches Können unter Beweis stellen. (Horst Pöhlmann)

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