Kultur

Üppige Damen aus der Halbwelt waren ein beliebtes Motiv von Paul Kleinschmidt, hier ein Gemälde aus dem Jahr 1924. (Foto: Kunsthalle Schweinfurt)

09.11.2012

Kalte Künstlichkeit

Eine große Ausstellung erinnert an den Maler Paul Kleinschmidt und sein Faible für die Welt hinter den Kulissen

Geschminkte, üppige Frauen mit fleischigen Armen und Beinen, eingeschnürt in Stiefeletten, mit aus knappen Korsagen quellenden Brüsten – sie stehen hinter der Bühne, an der Bar, sind in der Garderobe beim An- oder Ausziehen, und wirken oft müde, gelangweilt: Ihnen begegnet man immer wieder im Werk von Paul Kleinschmidt (1883 bis 1949). Das Theater, der Zirkus, die Halbwelt faszinierten ihn – stießen ihn aber auch ab. Kleinschmidt kam selbst aus dem Theatermilieu, sollte Schauspieler werden. Doch er hasste die Bühne, interessierte sich gleichwohl für alles, was Hinter den Kulissen vorging – so der Titel der Ausstellung in der Kunsthalle Schweinfurt.
Nach dem Kunststudium in Berlin und München versuchte sich Kleinschmidt kurz im Stil eines Leibl oder Trübner, fand aber nach Kriegsende und Verwundung schnell zu einer Ausdrucksweise, die sein Werk unverwechselbar prägt: zu einem expressiven Realismus. Mit flächig breitem, heftigen Pinselstrich setzte er ohne Kontur sein Motiv, gab viele Graublau- und Weiß-Tönungen in die pastos wirkenden, oft wie verschleierten Farben.
Anfangs versuchte sich Kleinschmidt noch in seinem erlernten Beruf als Grafiker; einige eindrucksvolle Beispiele seiner expressiven Radierungen sind zu sehen. In den 20-er Jahren hatte er Erfolg mit seinen Gemälden, zog Sammler und Mäzene an. Aber seine Bilder passten nicht zur Kunstauffassung der Nazis, wurden als „entartet“ verfemt. Er zog sich zurück, begann mit seiner Familie eine Odyssee durch Süddeutschland, flüchtete in die Schweiz, nach den Niederlanden und Frankreich, wo er interniert und schließlich zwangsweise wieder nach Deutschland „repatriiert“ wurde.


Trotz Armut malte er, auch wenn er keine Ölfarben mehr benutzen konnte bzw. durfte, in seinem Stil weiter, indem er auf Gouachen in neuartiger Technik auswich. Einige davon sind erstmals in einem Kabinett versammelt. Auch in diesen Arbeiten sieht man, wenn auch düsterer, Frauen, die fast das Bildformat sprengen. Meist stand ihm seine Frau Margaret Modell, manchmal auch Tochter Maria.
Trotz aller Restriktionen hatte er heimliche Bewunderer; sie gaben ihm Aufträge für Landschaftsbilder oder Stillleben.

Bei letzteren liebte er weiße Blumen und Blüten, die etwas Künstliches ausstrahlen, ähnlich wie Baumkuchen – eine faszinierende Welt, die aber auch kalt lässt. In diesem Zwiespalt scheint sein ganzes Werk gefangen. (Renate Freyeisen)

Abbildungen (von oben):

Der Maler und seine Frau im Fastnachtskostüm (1940).

Für das Gemälde Lesende Frau stand ihm seine Tochter Maria Modell.

Ein Faible hatte Kleinschmidt auch für weiße Blumen - hier das Bild Weiße Lilien mit Baumkuchen von 1939.

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