Kultur

Patricia Litten spielt ihre eigene Großmutter Irmgard, die vergeblich um das Leben ihres inhaftierten Sohnes kämpfte. (Foto: Marion Bührle)

14.10.2016

Kampf einer Mutter

Das Staatsschauspiel Nürnberg zeigt ein Stück über das KZ-Opfer Hans Litten

Der junge Berliner Rechtsanwalt Hans Litten ließ 1931, zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, im später sogenannten Eden-Palast-Prozess gegen Schlägertrupps der SA, Adolf Hitler vor Gericht laden. Der Zeuge Hitler verwickelte sich in Widersprüche, blamierte sich, raste – und rastete aus. 1933, am Tag nach dem Reichstagsbrand in Berlin, wurde Hans Litten von der Gestapo als „persönlicher Gefangener“ Hitlers in Schutzhaft genommen und in mehreren KZs misshandelt und gefoltert; im KZ Dachau nahm er sich 1938 das Leben.

Das Staatsschauspiel Nürnberg greift diesen Stoff auf und eröffnet mit der deutschen Erstaufführung von Der Prozess des Hans Litten in einer spektakulären Inszenierung die neue Spielzeit. Der englische Autor Mark Hayhurst hatte sich 2014 des Themas angenommen; sein dokumentarisch grundiertes Drama Taken at Midnight wurde 2014 in London uraufgeführt. Jetzt kam es in Deutschland heraus – nicht zufällig am Nürnberger Schauspielhaus: dort war Patricia Litten. In der Inszenierung von Jean-Claude Berutti spielt sie ihre eigene Großmutter, Irmgard Litten, die damals verzweifelt um das Leben ihres Sohnes kämpfte und sich – vergebens – in 20 Gesuchen und Briefen auch an den „Führer“ persönlich wandte.

Persönlich betroffen

Auf der düsteren, schwarz ausgeschlagenen Bühne (Bühnenbild: Rudy Sabounghi) ist Patricia Litten als Irmgard Litten ständig präsent: agierend oder als stumme Zeugin im Hintergrund, die ihre Geschichte in rasch wechselnden Szenen gleichsam erzählt.

Patricia Litten meistert ihre persönlich-verwandtschaftliche Betroffenheit, die man ihrem verhärmten Gesicht ablesen, in ihrer mal brüchigen, dann wieder couragierten Stimme hören kann, mit einer unvergleichlichen Souveränität, mit der sie ihre leidenschaftlichen Ausbrüche, aber auch ihre Zusammenbrüche, ihre Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit fast verfremdet. Am Ende, nachdem sie ihren zum Krüppel geschlagenen Sohn zum letzten Mal gesehen hat, verschwindet sie im Dunkel der Bühne.

Das sind ergreifende, beklemmende Bilder, die auch ein sichtlich betroffenes Publikum in Bann schlagen.

Aber dieser Eindringlichkeit entbehrt die Inszenierung dann, wenn sie die Rahmenhandlung dieser inneren Bewegtheit in mehr oder weniger drastischen, martialischen, ja derben Bildern und Szenen vorführt, die die Drehbühne und ständig sich hebende und senkende Podien im raschen Wechsel gleichsam wie in einem bewegten Bilderbogen, wie in einem Comic vorstellen.

Ein paar spärliche Requisiten deuten das Geschehen nur an: die billige Berliner Mietswohnung; das Gestapo-Büro; ein Salon in der Reichskanzlei mit tiefen, ausladenden Lederfauteuils; das stacheldrahtbewehrte KZ; die Häftlingszelle. Dazwischen immer wieder eingeblendet Filme der Nazi-Propaganda, vom Reichstagsbrand, von Aufmärschen mit Marschmusik und Nazi-Liedern, die O-Töne des fanatischen „Führer“-Gebrülls.

Der Stereotypen nicht genug, geraten auch die mehr ausgestellten, als dargestellten Figuren über weite Strecken zu Klischees, ja Karikaturen oder gar zu ungewollten und auch unpassenden Parodien: Hitler vor Gericht, was die KZ-Häftlinge nachspielen, mit der schnarrenden Stimme verkommt zum Er-ist-wieder-da-Zitat, gespielt von Pius Maria Cüppers, der eigentlich den Anarchisten und Revoluzzer Erich Mühsam darstellt, den das Stück zum KZ-Mithäftling Hans Litten macht.

Darstellung kommt zu kurz

Letzteren spielt Philipp Weigand als erbarmungswürdiges, seiner Menschenwürde beraubtes Nazi-Opfer; so wie auch Marco Steeger den anderen Mithäftling, Carl von Ossietzky, spielen muss, dem wenig darstellerischer Spielraum gegeben wird. Ausgenommen die wortwitzigen, ironischen Zellen-Gespräche der Nazi-Gefangenen, die ihre Aufseher und Peiniger (Frederik Bott als SS- und Gestapo-Mann) lächerlich machen.

Michael Hochstrasser zeigt als Gestapo-Offizier, zu dem Irmgard Litten immer wieder vordringt, die Fratze gespielter Menschlichkeit; Heimo Essl ist ein blasser Fritz Litten, der Pragmatismus statt Zivilcourage empfiehlt. Und Jochen Kuhl zollt als britischer Lord Allen (im Vorgriff auf das Münchner Abkommen der Engländer mit den Nazis 1938) mit Appeasement Hitler einen gewissen Respekt.

Am eindringlichsten ist diese Inszenierung dann in den authentischen, von Irmgard Litten überlieferten Szenen, die das unvorstellbare Leiden einer Mutter zeigen, die wie eine Löwin um das Leben ihres Sohnes kämpft. (Fridrich J. Bröder)

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