Kultur

Starr und frontal zum Publikum, das mit dieser Inszenierung nicht einverstanden ist. Doch sängerisch bietet Anja Eichhorn als Isolde eine Sternstunde. Paul McNamara bleibt als Tristan flach. (Foto: Falk von Traubenberg)

13.04.2012

Kein Platz für Gefühle

Würzburger "Tristan und Isolde" überzeugt nur als musikalische Darbietung

Handlung in drei Aufzügen, so hat Richard Wagner einst sein „Liebesdrama“ Tristan und Isolde genannt. Nichts davon nun in Würzburgs Mainfranken Theater: weder Liebe noch Handlung. Regisseur Hermann Schneider hat eine starre Anordnung von Haltungen entworfen, lässt meist frontal singen, abgezirkelt schreiten; die Personen bleiben auf Distanz, meist ohne  Blickkontakt, Emotionen werden nicht sichtbar: scheinbar eine Absage an Gefühle. Lediglich mit der Musik werden sie ausgedrückt: als suggestives Sehnen, als immer stärkeres Betäuben des Verstands. Auf der Bühne aber vermisst der Zuschauer alles, was mit Liebe oder Leben zusammenhängt. Deshalb wohl der laute, lange Buhsturm des Premierenpublikums. Es war gespalten, einerseits begeistert von der musikalischen Darbietung, andererseits enttäuscht von dem, was es sah.
Im ersten Akt sitzt Isolde im Schneiderkostümchen inmitten von Toten im Bauch eines Schiffes, einer Art Leichentransporter, begleitet von ihrer Dienerin Brangäne, die ausstaffiert ist wie ein Girlie mit Ringelstrümpfen und Brille. Der „junge Seemann“, hier schwer gealtert, tapst als schwacher Greis mit Zottelhaaren ins Totenreich, wohl soll er den mythischen Fährmann Charon verkörpern. Isolde soll ihrem Bräutigam Marke zugeführt werden, doch sie liebt Tristan, der ihren Geliebten Morolt erschlagen hat. Dessen Kopf führt sie im Kosmetikkoffer mit sich. Tristans Gefährte Kurvenal, ein Comic-lesender Altrocker auf Krücken, scheint jedenfalls etwas aktiver als sein Herr. Der wirkt wie von einer Lähmung befallen. Dass er Isolde erst auf Grund des Liebestrankes, der eigentlich ein Todestrank sein sollte, stärker begehrt, ist daher verständlich.
Von echter Liebe keine Spur, auch in der Liebesvereinigung im 2. Akt nicht: Da berühren sie sich nicht einmal. Immerhin haben sie eine Gemeinsamkeit: die Sehnsucht nach dem Tod.
Während in den ersten beiden Akten das Aneinander-Vorbei-Agieren dominiert, wird es im letzten Akt plötzlich lebendig: Die Englischhorn-Solistin des Orchesters spielt ihre traurig-schönen Melodien auf der Bühne, vor der Ankunft Isoldes blitzt und donnert es wie bei einem Sturm im Fliegenden Holländer, und Isoldes Verklärung erfolgt in einem Himmel voller Glühbirnen, umgeben von dunklen Spiegeln.
Trost in der von einer Art Zombies, Marionetten-Gestalten bevölkerten Antiwelt zu Liebe und Leben ist die Musik, die dem Bühnengeschehen widerspricht; schwelgerisch, betörend, fast überquellend intensiv. Enrico Calesso am Pult kostete gerade die sich steigernden, sehnsuchtsvollen Wiederholungen lustvoll aus, ließ sich oft viel Zeit dazu.
Anja Eichhorn als Isolde hatte sängerisch eine Sternstunde. Nicht nur, dass sie mit ihrem kraftvollen, schmiegsamen Sopran auch die höchsten Höhen rund und strahlend gestaltete, auch sonst blieb sie dank der durchdachten Färbung nichts schuldig an differenziertem Ausdruck. Dagegen klang der helle Tenor des Tristan von Paul McNamara, der als passive Gestalt in Lederwams und strubbeligen roten Haaren herumstehen musste, oft angespannt, flach und manchmal auch scharf. Während Karen Leiber mit sicherem Sopran als Brangäne überzeugte, imponierte Joachim Goltz als Kurvenal mit seinem stimmstarken Bariton, und Johan F. Kirsten gab mit seinem profunden Bass einen würdig-gestrengen Marke. Der Beifall galt allein den Musikern. (Renate Freyeisen)

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