Kultur

Dass mann einer Bratsche auch zauberhafte Klänge auch ohne Bogen entlocken kann, bewies Antoine Tamestit in Jörg Widmanns neuem Violakonzert. (Foto: dpa)

04.03.2016

Klangzauberwald

Antoine Tamestit begeistert im neuen Violakonzert von Jörg Widmann

Stecken geblieben im Münchner Abendstau? Jedenfalls steht Dirigent Daniel Harding vor dem Symphonieorchester des BR - aber der Solist fehlt. Doch dann klopft irgendwas hinter den Harfen, zupft die Saiten: Antoine Tamestit „spielt“ den Beginn von Jörg Widmanns neuem Violakonzert, das nach der Uraufführung in Paris, nach Stockholm gestern Abend in München als Auftragswerk der drei Orchester ganz heimlich und versteckt hinter den Harfen beginnt.

Mehr hat Harding erstmal nicht zu tun: Denn die Solobratsche wandert langsam ins Orchester hinein, Tamestit (auch Solist der Pariser Uraufführung) arbeitet ohne Bogen, klopft, zupft auf und an allen Stellen seiner Stradivari, das Orchester mit den Besetzungsschwerpunkten Kontrabass und Schlagwerk arbeitet höchstens solistisch: Antworten auf die Signale der Bratsche kommen von der kleinen Trommel, den Harfen, vom Klavier.

Und so entsteht langsam, spannend die Klangwelt dieses genauso überraschend wie spröde beginnenden Konzerts des Münchner Komponisten - flirrend wie eine Feenwelt, dunkel grundiert von den acht Kontrabässen, charaktervoll in der Kontrabassflöte.

Auch wenn sich dieses Klangkonglomerat immer mehr verdichtet, die bogenlose Viola behauptet sich mit immer mehr Energie über diesem Gespinst. Das klingt mal fernöstlich, mal mediterran, keineswegs zufällig – bis nach knapp der Hälfte des Konzerts der Bratschenbogen wie ein Zauberstab durch die Luft saust. Silberklang rieselt herab, die Bratsche kokettiert jetzt mit allem, was sie hat und kann, mit den verschiedenen Orchestergruppen: Stückweise ergibt das Anklänge an ein klassisches Konzert, mehr aber eigenwillig-einfallsreiche Klangwirkungen – auch durch die unter den Streichern sitzenden Bläser.

Widmanns Konzert wirkt ungemein gestisch, theatralisch wie eine barocke Zauberbühne. Der fabelhafte Hans-im-Glück-Bratscher liefert sich kleine Duelle mit der Tuba, Tamestit muss auch ein bisschen Schauspieler sein, Töne von sich geben auf seiner Wanderung von Pult zu Pult.

Der Dirigent hat beim immer nur in Einzelgruppen spielenden Orchester für äußerste Präzision im Ablauf zu sorgen – bis dann dieser ganze Klangzauberwald in bedrohliches Gebrüll ausbricht, vor dem die Viola aufgeregt an die Rampe flüchtet. Und quasi Schutz sucht, wo der Solist normalerweise hingehört: Dort findet er in einer großen elegischen Kantilene sein Solistenglück – wie im Märchen.

Tamestit spielt das dann übernatürlich schön als eine Idylle, ein Paradies und das Ende in einem geradezu wollüstigen Ersterben in den Armen einer harmonischen Tonalität.

Aus der Zurückhaltung beim Münchner Publikum im Herkulessaal wagten sich schnell die ersten begeisterten Bravi hervor. Für mutige Orchester und Solisten ist das neue Widmann-Konzert eine ungemein spannende, im besten Sinne virtuos-unterhaltsame halbe Stunde.

Edward Elgars 2. Symphonie von 1911 war danach mit Harding und dem fulminant spielenden BR-Symphonieorchester auch so ein Märchen: von der imperialen Größe und Auserwähltheit des englischen Empire; „nobilmente“ und „maestoso“ stehen am Anfang und Ende. (Uwe Mitsching)

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