Kultur

Die Vertreterin (Victoria Voss), am Mikrofon mit dem Tabakwarenhändler und Schwimmstar Gustl Gillig (Enrico Spohn), weiß sich gegen Männer zu behaupten (links Ulrich Kiehlhorn, hinten Sascha Römisch). (Foto: Olah)

28.10.2011

Kleinbürger in der Provinz

"Eine Zierde für den Verein" nach dem Fleißer-Roman

Mit einer mutigen und klugen Uraufführung der Dramatisierung von Marieluise Fleißers Roman Eine Zierde für den Verein, erweist das Stadttheater Ingolstadt der großen literarischen Tochter der Stadt im Jahr ihres 110. Geburtstags seine Referenz. Was im Vorfeld als Wagnis erschien, wird zu einem großen Theaterabend und ist eine kraftvolle Fortsetzung des erfolgreichen Starts von Knut Weber, dem neuen Intendanten im Haus an der Schlosslände.
Die Bühnenfassung des Dramatikers Christoph Nußbaumeder findet in der Inszenierung von Donald Berkenhoff (mit Knut Weber vom Staatstheater Karlsruhe an die Donau gezogen) eine kongeniale Umsetzung: eine hoch kunstvolle Arbeit, eine respektvolle, sensible Annäherung an die Fleißer – und doch mit eigener, überzeugender Formkraft.

Abgeschnürte Lebenskraft

Nußbaumeder wie auch Berkenhoff verdichten die Liebesbeziehung zwischen dem Tabakwarenhändler und lokalen Schwimmstar Gustl Gillig und der emanzipierten Frieda Geier, die schon Ende der 1920er Jahre sich als selbstständige Mehl-Vertreterin gegen männliche Konkurrenz zu behaupten weiß. Die Inszenierung geht erhellend und unaufdringlich über das bloße Scheitern einer Paarbeziehung hinaus, bettet dieses gescheit ein in eine Milieustudie über das Kleinbürgertum einer Provinzstadt, deren Lebenskraft abgeschnürt wird von wirtschaftlicher Not und Perspektivlosigkeit.
Das mit vielen Details angereicherte Zeitkolorit wird eingetrübt durch eine Atmosphäre latenter, sich unverhofft entzündender Gewaltbereitschaft der im Rudel Schutz suchenden Loser-Typen. So spiegeln sich im Kosmos dieser Kleinstadt dunkel Anklänge an Heutiges, an Unheil, das aus solchem Bodensatz hervorkriechen kann.
Berkenhoff steht zum epischen Duktus des Romans, gewinnt durch geschickte szenische Lösungen dramaturgische Effekte. Immer wieder gerinnen Dialoge und Reportagen von Schwimmwettkämpfen oder der Rettung eines Ertrinkenden zu Glanzstücken. Gegen die epische Langsamkeit setzt der Regisseur gezielt temporeiche Bewegung und das Getriebensein der Protagonisten. Großes Format zeigen dabei Victoria Voss als Frieda und Enrico Spohn als Gustl inmitten eines bestens eingestellten Ensembles.
Die Bühne, eine Art Lagerhalle, nimmt das epische Grundmuster auf (Ausstattung ebenfalls Berkenhoff), skizziert mit einfachsten Mitteln simultane Schauplätze. Ein Karree aus Tischen und Stühlen in der Bühnenmitte, gefasst von ungeordneten Kleidungsstücken am Boden, wird verblüffend fantasievoll zu dumpfigen Handwerker- und Ladenstuben, Brennnesselfeldern in den Donauauen und Eiskatarakten. Eine Inszenierung, die Kopf und Sinne gleichermaßen erreicht. (Gudrun Rihl)

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