Kultur

Mitten im Kampfgeschehen: Picassos "Aleceando a un Toro" von 1957. (Foto: Sucession Picasso/VG-Bildkunst)

01.08.2014

Kraft und Eleganz

In Amberg sind beeindruckende Picasso-Grafiken zum Thema "Stierkampf und Eros" zu sehen

Vielleicht ist der Blick von den Zinnen des Picasso-Museums in Antibes und über die Cote d’Azur schöner als vom Amberger Congress Zentrum (ACC) aufs Kurfürstenbad. Aber wer wirklich viel Picasso sehen will, der ist bei Pablo Picasso – Originalgrafiken in der Oberpfalz richtig: 120 Blätter hat man für die sommerliche Amberger Kunst-Biennale von der Galerie Fetzer aus Sontheim/Brenz als Leihgeber bekommen; dazu Plakate, Buchillustrationen – insgesamt um die 150 druckgrafische Kunstwerke zu zentralen Themen Picassos: „Antike“, „Stierkampf“, „Eros“.
Auch andere Gliederungsprinzipien wären denkbar, etwa nach kubistischer oder klassizistischer Periode; denkbar wäre auch ein Führungsweg durch die Amberger Fülle. Aber deren etwas undurchsichtige Hängung ermöglicht selbständiges Entdecken und ungehinderten Kunstbummel durch die Weiten des Kongresszentrums.
Beginnen könnte man auf jeden Fall mit dem schönen Picasso-Sommerfoto von 1947, mit den Vitrinen am Rande des Ausstellungssaals. Denn da bekommt man ein wenig Ahnung von Picassos wunderbaren Keramiken, sieht das Konvolut von 38 Originalkupferstichen, mit denen er die Erzählung Carmen von Prosper Merimée 1949 illustriert hat – auch um nach dem Krieg neue Einnahmequellen zu erschließen.
Und mit Carmen wäre man mittendrin im Amberger Zentralthema Stierkampf und Eros. Das lässt sich bei Picasso ohnehin nicht trennen und hat Picasso sein Leben lang begleitet. Immer war er fasziniert von der Kraft des Stiers, von der Eleganz der Stierkämpfer, wenn sie mit großem Schwung die Spieße in den Stier stoßen.
Dass der Stierkampf ein gefährliches Geschäft ist, sieht man gleich daneben. Der verwundete Pikador vermittelt die Atmosphäre in der Arena ganz besonders dicht: die amorphe Zuschauermenge auf den Rängen, die Helfer auf ihren dürren Kleppern, das Ablenken des Stiers – und dann die bedrohliche schwarze Masse Fleisch mittendrin.
Stierkampf: das hatte genauso wie Bizets Oper immer etwas Erotisches – zumindest bis zu Picassos Generation. Er drückt das mit den Toreras aus. Üppig über ein Lager gebreitet der weiße Körper, geöffnet die Schenkel, über ihnen die minotaurischen Wesen. Das gibt es in der Ausstellung in mehreren Variationen. Mythisches kommt dazu: Die Paarung von göttlichem Stier und den Frauen von Europa bis Pasiphae – eine Verbindung, aus der der Minotaurus hervorging, eine nicht eben jugendfreie Geschichte.

Nicht ganz jugendfrei

Wenn man damit schon in antiken, mythischen Sphären ist, lohnt auch der Blick auf die gegenüberliegende Reihe mit den feinlinigen Radierungen nach Ovid aus Picassos klassizistischer Periode, aus der Pariser Kunstwelt der Dreißigerjahre und der Verbindung mit Strawinsky und Cocteau.
Das Stierkampfthema lässt einen die ganze Ausstellung über nicht los. Auch wenn man mit der Geschäftsführerin des ACC, Petra Strobl, spricht und sie stolz auf den vollständigen Tauromaquia-Zyklus verweist, der in einem roten Kabinett hängt. Dorthin wird man durch die Plakate von Vallauris geführt, wo sich in den Buchstaben von „Toros“ schon kleine Stierkampfszenen verstecken: die weite südspanische Landschaft, wo die Stiere gezüchtet und aufgezogen werden, die Sonne, wenn man nur „Sol“-Plätze gebucht hat, die entscheidenden Momente der Corrida. Das alles dann Blatt für Blatt in Aquatinta, eines der berühmtesten Zeugnisse von Picassos Stierkampfleidenschaft: 26 Blätter sind das, die in gefrorenen Bewegungen den heranstürmenden Stier zeigen, das Reizen mit der Capa oder Pika. Auf Blatt 18 wirbelt der Stier mit seinen Hörnern den Matador in die Höhe, auf dem nächsten empfängt er gleichwohl den Todesstoß, bricht zusammen, wird hinausgeschleift – aber der Zyklus endet nicht mit den abgeschnittenen Ohren für den Alcalde, sondern mit dem wiedererstandenen Kraftbündel Stier, der sich erneut zum Kampf stellt.
Das ist wie ein Comic, ein Film – und gerade hier begreift man, dass Picasso in seinen Grafiken ein großer Geschichtenerzähler war. Auch wenn er sich und andere Künstler zeigt: in der Antike, in der Gegenwart, blumenbekränzt und mit der Büste vor sich, an der er gerade arbeitet. Man sollte sich dafür in der Welt der Mythologie ein bisschen auskennen und wissen, wer Semele war oder die Bacchanten.
Einfacher ist der Zugang zu den Friedenstauben: Streng genommen ist das nicht das Thema der Ausstellung. Aber es ist doch janz interessant zu studieren, was er mit wenigen Strichen einprägsam und plakativ für Friedenskongresse in Berlin-Ost oder Moskau geschaffen hat. Picassos politisches Herz hat immer links geschlagen: auch 1937 als der Bürgerkrieg begann, war er auf der Seite der „Internationalen“ und zeichnet den Generalissimus Franco (Träume und Lügen) als Monster mit deformierter Physiognomie wie eine alles verschlingende Krake.
Manches andere wirkt in der Ausstellung dagegen direkt harmlos: ballspielende Strichmännchen am Strand, ekstatische Leiber beim Bacchanal, die Themen Zirkus und Tanz. Das lässt einem noch ein bisschen Zeit, den Familienmenschen Picasso kennenzulernen: ein realistisches Doppelbild seiner Kinder Paloma und Claude – gleich daneben in fingerprint deren abstrahierte Köpfe. Und dann das kostbarste Bild der Ausstellung, Jacqueline en profil: Picassos zweite Ehefrau, die sich 13 Jahre nach seinem Tod das Leben nahm. (Uwe Mitsching)

Bis 25. September. Amberger Congress Centrum, Schießstätteweg 8, 92224 Amberg. Mo. bis So. 11 – 19 Uhr, Do. und Fr. 11 – 20 Uhr.
www.acc-amberg.de

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