Kultur

24.12.2010

Kriminalistisches Gespür

Die Edition einer historisch-kritischen Gesamtausgabe zu Richard Strauss verspricht Überraschungen

Der alte Richard Strauss im Schein der Schreibtischlampe – und schreibt noch mal ein paar seiner alten Partituren der symphonischen Dichtungen ab: ganz exakt, vielleicht mit einigen interessanten Änderungen oder nachträglichen Korrekturen. So könnte man sich die Szene vorstellen: Autografe noch 50 Jahre nach der Uraufführung – und gedacht als Aufstockung des Erbes eines genauso berühmten wie geschäftstüchtigen Komponisten.
Nicht nur damit wird sich die erste historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke von Richard Strauss auseinanderzusetzen haben: ein Vierteljahrhundert-Projekt, für das jetzt die Finanzierung (rund 10 Millionen Euro) steht und das Hartmut Schick, Ordinarius für Musikwissenschaften an der Ludwig-Maximilians Universität München, leitet. Die Gesamtausgabe wird vermutlich 50 Bände umfassen: Jeder Einzelband soll rund 300 Seiten im Folioformat haben und enthält dann Partituren und einen kritischen Apparat aus Quellenbeschreibungen und -bewertungen, Lesarten, alternativen Fassungen. In beigeordneten Dokumentenbänden „machen wir uns die Mühe, sämtliche Quellentexte, Briefe, Rezensionen und Uraufführungskritiken mit zu edieren. Alles originale Schrifttum ist da versammelt, dazu wahrscheinlich auch noch Bühnenbild- und Kostümentwürfe, etwa von Alfred Roller“, präzisiert Schick.
Rund 500 Kompositionen gibt es von Strauss, keine liegt bisher in einer den wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Edition vor. Diese Ansprüche sind: bestmöglicher Notentext und Quellenkritik. Bisher gibt es nur die Erst- und deren Nachdrucke: „Von denen wissen wir, dass sie recht fehlerhaft waren, Verbesserungen wurden mehr aus praktischen, denn aus wissenschaftlich abgesicherten Gründen vorgenommen.“
Das wird ab Januar 2011 die Arbeit von Schick und vier hauptamtlichen wissenschaftlichen Mitarbeitern sein. Dazu kommt ein Informatiker, der sich um die digitale Publizierung kümmert. Hinzu stoßen für besondere Fälle Theater-, Literatur- und Tanzwissenschaftler – kein Wunder bei einem Stück wie der Ariadne auf Naxos mit ihren verschiedenen Fassungen und verknüpften Künsten.

Lücken bleiben – vorerst

Trotzdem muss die neue Richard-Strauss-Gesamtausgabe Lücken lassen: die beziehen sich auf Chorwerke, vokale Ensemblemusik, Melodramen, Klaviermusik, Orchestersuiten. Insgesamt 20 Prozent des Strauss-Œuvres bleiben außen vor – eine Nachlieferung gibt es vielleicht nach 25 Jahren. Die ergeben sich aus der neuen Höchstförderungsdauer des deutschen Akademienprogramms der Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern.
Hartmut Schick, ein Rheinberger- und Dvorak-Spezialist, gibt zu: „Richard Strauss ist nicht unbedingt mein Lieblingskomponist. Ich hatte immer ein Problem damit, dass er extrem durchsetzungsfähig und -freudig war, Geschick hatte, seine Werke im Repertoire zu platzieren – auch auf Kosten anderer Komponisten.“ Aber mittlerweile hat der Leiter des eigens gegründeten Instituts für die Gesamtausgabe Freude an der „hochvirtuosen Instrumentierung“ bei Strauss gefunden, hat schon zwei Lieblingsstücke (Till Eulenspiegels lustige Streiche, Die schweigsame Frau) und entdeckt laufend Neues von und über Strauss.
Immer wieder tauchen Autografe auf, sekundäre Quellen zwischen Autograf und Erstdruck etwa in Form der Korrekturabzüge aus Verlagen, die der Komponist noch einmal bearbeitet hat. Gerade sie sind mit eigenhändigen Eintragungen von Strauss eine besonders wichtige Quelle – bis hin zu den Eintragungen der Strauss-Gattin und -interpretin Pauline de Ahna. Dazu kommen Verlagsarchive, besonders in London, wo das Spätwerk verlegt wurde, oder in Paris. Nachlassteile sind in Japan, 10 000 Briefe und ebenso viele Antworten sind weltweit verstreut.
Das alles will man, auch in Zusammenarbeit mit dem Garmischer Richard-Strauss-Institut, annähernd chronologisch aufarbeiten. Man beginnt werbewirksam mit Salome und den gewichtigen Kompositionen aus dem Frühwerk (geplanter Erscheinungstermin: 2014). Die Arbeit ist in Module gegliedert, die Weiterarbeit hängt von deren erfolgreicher Evaluierung ab.
Neue Aufschlüsse kann man auch hinsichtlich der Strauss-Biografie erwarten. Nur ein Bruchteil der Briefe ist ediert. Jetzt werden sie nicht nur erfasst, sondern auch gelesen und kritisch gewertet.
Unterstützung erhofft man sich von der Familie Strauss beim Zugang zu Quellen, die noch in deren Safes schlummern. Auf Überraschungen macht sich Hartmut Schick besonders bei den Orchesterpartituren gefasst: „Noch gar nicht absehbar ist die Auswertung der persönlichen Anweisungen von Richard Strauss.“
61 Jahre nach dem Tod des Komponisten ist das eine quellenkritisch-kriminalistische Jahrhundert-Herausforderung.
(Uwe Mitsching)

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