Kultur

Evgenya Dodina (unten) und Juliane Köhler gestalten als Elisabet und Alma ein gespenstisches Kammerspiel. (Foto: Rubensdörffer)

27.07.2012

Kulinarische Selbstkasteiung

Ingmar Bergmans "Persona" im Münchner Marstall

Für Katholiken ist alles klar: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, heißt es in der Liturgie. So einfach ist die Sache für einen schwedischen Protestanten wie Ingmar Bergman natürlich nicht. In seinem Film Persona (1966) geht es auch ums Sprechen und Schweigen – aber „gesund“ ist gar nichts bei dieser skandinavischen Seelen-Vivisektion.
Die Schauspielerin Elisabet ist plötzlich verstummt – auf der Bühne wie im Leben. Kann sie die Floskelhaftigkeit allen Geredes nicht mehr ertragen? Ist die eigene Identität hinter den Rollen, die wir spielen, nur durch Sprachverzicht zu erreichen, weil wir in Posen fallen, sobald wir den Mund aufmachen?
Derartige Selbstzerfleischungsgrübeleien hat man lange nicht mehr so packend inszeniert gesehen wie jetzt am Münchner Marstall. Regisseurin Amélie Niermeyer stellt eine luxuriöse seelische Nordkap-Kreuzfahrt auf die Bretter, die hier die Innenwelt bedeuten. Möglich ist das dank zweier Ausnahmeschauspielerinnen, die mit bannender Eindringlichkeit ein fast gespenstisches Kammerspiel, ja eine Theater-Liturgie zelebrieren: Unter dutzenden Glühbirnen, zwischen Treibholz und 60er-Jahre-Musiktruhen spielt Evgenya Dodina mit einer rätselhaften Mischung aus schlafwandlerischer Bodenhaftung und hellwacher Entrücktheit die stumme Rolle der Elisabet. Juliane Köhler ist ihre Pflegerin Alma, eine flattrig-entschlossene Naive, die noch da einen Zug unschuldiger Abgefeimtheit offenbart, wo sie sich bis auf die Seele entblößt, sich mit Elisabet identifiziert, Zärtlichkeiten austauscht, oder ihr von der sexuellen Begegnung mit einem Minderjährigen und der anschließenden Abtreibung erzählt. Gleichwohl ist sie die Verratene. Denn Elisabet studiert die Pflegerin mit professionellem Interesse und gibt die anvertrauten Geheimnisse in einem Brief weiter.
So kommt es schließlich zum Nahkampf zwischen den Frauen, in dem die Schweigende dann doch spricht. Auch ihr Schweigen, der vermeintliche Weg zum unverstellten Ich, war nur eine Rolle, weil Identität immer bloß als Maske existiert (die bei den alten Römern persona hieß).
Dass dieser nordische Nihilismus eigentlich eine Art Kulinarik der Selbstkasteiung darstellt, ist das Thema von Amélie Niermeyers Inszenierung, die das Stück als Theater im Theater präsentiert. Bergmans Enthüllung, dass das Streben nach Authentizität auch bloß ein Maskenspiel ist, wird so ihrerseits entlarvt: als Zirkus der Schonungslosigkeit und spröder Mummenschanz der Desillusionierung.
So endet die erste Spielzeit des Intendanten Martin Ku(s)ej immerhin mit einem Paukenschlag. (Alexander Altmann

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