Kultur

Ein ausgestopfte Vogelkörper, Kartons, Polster und„weiterer Sondermüll“, steht in der Beschreibung zu Matt Dions Installation "Concrete Jungle (The Birds)". In der Vuitton-Galerie trennt ein roter Teppich das Kunstwerk von "Nazis of Suburbia" des Österreichers Josef Strau. Auch hier eine Collage: „Tipp-Ex auf Messinglampe, Tintenstrahldruck auf einem Stoffposter liest man „Schwarze Milch der Frühe“ liest man. (Fotos: Galerie Buchholz, Galerie Nagel Draxler)

18.07.2014

Kunst für alle

Louis Vuitton hat in der Münchner Maximilianstraße eine Galerie eröffnet. Tausende fanden bereits den versteckten Weg dorthin

Draußen, vor den Fenstern der Münchner „Residenzpost“ am Max-Josefs-Platz gibt es jetzt wieder „Oper für alle“, den kostenlosen Festspielgenuss. Diese Anregung hätte es für den „Espace Louis Vuitton“ gar nicht gebraucht: Ende März wurden die 320 Quadratmeter als „unabhängiger Kunstort“ eröffnet – auch hier freier Eintritt, sogar die Kataloge gratis. „Demokratisch“ fällt als Schlüsselwort, wenn man mit den Mitarbeiterinnen spricht.
Allerdings: Ein bisschen mehr Reklame machen die Opernfestspiele für ihr Angebot schon. Aber gerade das will Louis Vuitton nicht. Vorne beim Hauptgang der exklusiven Lokalität muss man in durchaus kunstnahen Schaufenster-Dekorationen fast suchen, um zu finden, wofür die französische Edelmarke berühmt ist. Für den „Espace“ gibt es da nur eine schlichte Tafel. Am Eingang in der Maximilianstraße und beim Durchgang zum Hof der „Residenzpost“ noch eine – mehr dürfte man an dem denkmalgeschützten Gebäude gar nicht anbringen.

Bescheidenes Ambiente

Braucht man auch nicht, wird einem bedeutet, denn die Vuitton-Kunsträume haben als Geheimtipp längst die Runde gemacht. 5000 Besucher haben im Vierteljahr seit der Eröffnnung auch so den Weg gefunden. Oder man kennt das Label „Espace Louis Vuitton“ bereits aus Paris, Tokyo oder Venedig (dort nicht nur ein Tipp während der Biennale).
Für das, was Louis Vuitton an Kunst gehört, dafür wird im Oktober in Paris eine Fondation eröffnet – Architekt ist Frank Geary.
Da nehmen sich die freundlich, aber gut bewachten zwei Stockwerke in München bewusst bescheiden aus: Sie sollen Kontakt zur Stadt halten und für die Künstler nicht zur erdrückenden Pinakotheken-Last werden. Sondern viel Platz und weiße Wände zur Verfügung stellen.
Wozu noch eine Galerie in München? Ja, meint man zwischen Plattenspieler und Book-Shelf, viel sei nach der Wende doch nach Berlin abgewandert, aber das für zeitgenössische Kunst interessierte Kunstpublikum sei dageblieben. Mag sein, dass so ein Experimentierraum in München gefehlt hat, in dem Künstler Ungewöhnliches realisieren können, ohne sich über so Profanes wie Kosten Gedanken machen zu müssen.
Verkaufen können sie nichts, sowieso nicht in dieser Premieren-Ausstellung, in der Stücke aus vier Münchner Sammlungen gezeigt werden und Fotografien von Annette Kelm, die im Münchner Institut für Zeitgeschichte aufgenommen wurden. T-Shirts (Körperüberhänge) von Mitstreiterinnen der Feministin Hannelore Mabry, die bei Demos getragen wurden: Dokumentarisches mit Brecht-Zitaten.
Die von Jens Hoffmann aus New York kuratierte Ausstellung No such thing as history: Four Collections and one artist geht der Frage nach, wie Künstler mit Geschichte umgehen: problematisierend (kann man an Kelm nachvollziehen), persiflierend, oder wie auch immer. Den Zugang dazu findet man am ehesten, wenn man einer der kostenlosen Führungen folgt oder sich in den Katalog vertieft. Erst dann weiß man vielleicht etwas anzufangen mit der Milchtüte am Ende einer Reihe von Cubes aus Plastiklatten (Henrik Olesen) oder dem weißen Blatt Papier von Tino Sehgal. Der sammelt nicht die Frontispize von Büchern sondern deren letzten Seite – auch wenn sie unbedruckt ist.
Besonders im Hinblick darauf, dass Louis Vuitton auch schöne Sachen für Männer herstellt, stellt man dort in Abrede, dass der Schwerpunkt der ersten Ausstellung auf femininen bis feministischen Themen läge: tut er aber doch, und nicht nur bei Kelms Shirts oder bei Liz Taylor’s Hair and Feet von John Waters. Zugegeben weniger bei dem Berg ekligen Ziviliationsmülls in einer Espace-Ecke, über dem die Vögel wie bei Hitchcock kreisen. Oder dem Glaskasten, in dem Coca-Cola-Kondensat vor sich hinschwitzt (Tue Greenfort). Das klassische Tafelbild dazwischen gibt es auch: eine Souveraine (Jutta Koether).

Nobles Atelier

Ab Herbst ist im Espace die Fortsetzung dessen zu sehen, was in Paris schon im Juni angefangen hat: unter der Überschrift In Situ – 1 ( also an Ort und Stelle, in diesem Fall im Münchner Espace) eine „carte blanche“ für Künstlerinnen, denen die Räume dann als Atelier zur Verfügung stehen. In der noblen Residenzpost wird das Simnyn Gill sein, die sonst in Australien und Malaysia arbeitet und neben der documenta-Teilnahme 2007 und 2012 auf Ausstellungen an prominenten Stellen verweisen kann. Ab 18. September kann der Besucher Zeuge sein von allen Stadien eines kreativen Prozesses. Und die Handtaschenmarke wird von den freundlichen Damen am Empfang garantiert nicht kontrolliert. (Uwe Mitsching)

Aktuelle Ausstellung bis 8. August. Espace Louis Vuitton, Maximilianstraße 2a, 80539 München. Mo. bis Fr. 12 – 19 Uhr, Sa. 10 – 19 Uhr.
www.espacelouisvuittonmuenchen.com

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