Kultur

In Matt Mullicans privater Wunderkammer. (Foto; Jens Weber)

15.07.2011

Lagerhaus für Ticks und Manien

Matt Mullican im Münchner Haus der Kunst

Ein „incredible phantastic building“ ist das Haus der Kunst für Matt Mullican. Und zwar wegen der Größe der Räume. Die bieten genau den Platz, den der 1951 geborene Amerikaner für seine Kunst braucht. Diesmal ist tatsächlich alles gerammelt voll in den Ausstellungshallen: Nicht nur die Wände wirken wie tapeziert mit Zeichnungen (die teilweise unter Hypnose entstanden), mit Landkarten, Listen, Aktienkursen, alten Druckplatten eines Lexikons oder gigantischen Pinwänden voller Fotos. Überall stehen auch noch Vitrinen herum. Und riesige Bettlaken, an denen Ausschnitte aus Illustrierten oder Zierpflanzenkatalogen hängen, unterteilen die Räume in einen Irrgarten kleinerer Kojen; alte Generatoren stehen neben ausgestopften Vögeln, Glaskugeln glitzern auf Tischen, und der Hauptsaal des Ostflügels ist mit zwei Barrieren unterteilt, so dass in der Mitte ein unbetretbarer Raum entsteht. Dort hat der Künstler einfach das Depot der Archäologischen Staatssammlung aufgestellt, lauter antike Fundstücke, die unsichtbar in Kisten auf langen Regalreihen lagern.
Es ist eine sehr private Wunderkammer, die Mullican da als eine Art Großinstallation errichtet hat, ein Lagerhaus für Ticks und Manien. Tatsächlich machen nicht die einzelnen Objekte, sondern der sanfte Sog des Wahnhaften, der von diesem überbordenden Sammelsurium ausgeht, den Reiz dieser Riesen-Retrospektive aus, die Werke aus vier Jahrzehnten vereint.
Als Clou dabei erweist sich der Titel: Vom Ordnen der Welt heißt diese Kunst-Messie-Show, aber das ist nicht ironisch gemeint, denn der Wahnsinn hat tatsächlich Methode. Dem scheinbaren Krautverhau liegt Matt Mullicans bewusst irrwitzig-naive Privatmythologie als Strukturprinzip zu Grunde. Eine Hierarchie der Kategorien beispielsweise, die sich als Farbsymbolik manifestiert, wobei auf der untersten Stufe Grün für das Materielle steht, Blau für die „Alltagswelt“, Gelb für die Abstraktion und so weiter.
Vor allem aber ist Mullican beherrscht von einer Einteilungs- und Sammelwut, die das aufklärerische Projekt der Enzyklopädie aufgreift und grell überspitzt: Die (spätestens mit der Moderne zerbrochene) Vorstellung der Vernunft-Epoche, es gäbe eine ordnende Gesamt-Erfassung der Welt nach objektiven Kriterien, transformiert der Künstler in eine radikal subjektive Kosmologie. Indem er sich selbst und seine Idiosynkrasien ganz bewusst zum Ordnungsprinzip überhöht, legt er nicht nur den obsessiven Kern aller geschlossenen Weltbilder frei. Seine in sich logische, aber für alle anderen wahnwitzig chaotisch anmutende „Ordnung der Welt“ ist mehr als eine Parodie, denn sie spricht auf anrührende Weise von der verzweifelten Sehnsucht des partikularen Individuums nach Allgemeingültigkeit, nach Universalität, letztlich nach Unsterblichkeit. Dass Mullicans private Enzyklopädie im jeweiligen Detail den Betrachter völlig kalt lässt, ist dabei eigentlich nur konsequent. Schließlich sind wir lauter Individual-Monster. Jeder eine Monade im Mittelpunkt seiner eigenen, von ihm mehr oder weniger geordneten Welt. (Alexander Altmann)

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