Kultur

Für seinen Abschlussfilm "Des lieben Gottes liebster Clown" ging Raimund Ulbrich in die Knie. Auch solche Arbeitsfotos übers „Making of“ werden von der Hochschule für Fernsehen und Film sorgsam gehütet. (Foto: HFF)

07.11.2014

Le film – c’est moi!

Das Frühwerk vieler Filmemacher droht verloren zu gehen: Die Hochschule für Fernsehen und Film baut eine zentrale Datenbank auf – Sie braucht jetzt noch eine Archivarstelle

Expect the Unexpected ist das diesjährige Internationale Festival der Filmhochschulen überschrieben (16. bis 22. November). Treffpunkt ist neben dem Filmmuseum die Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF). Ob man sich dort den Festivaltitel eines Tages für ein Buch entlehnen wird? Könnte das Motto summarisch das Charakteristische im Schaffen ihrer heutigen Studentengeneration beschreiben?
Es wäre dann ein weiterer Band einer Reihe, in der die HFF den Aufbau ihrer zentralen „filmografischen“ Datenbank und eines höchst überfälligen professionellen Archivs dokumentiert. Zwei solcher Referenz-Bücher gibt es bereits: Das erste erinnert an die Bilder wilder Jahre, die in der HFF zwischen 1967 und 1979 produziert wurden. Das zweite, heuer erschienene, zeichnet Bilder aus der Zeit dazwischen nach – die Jahre 1980 bis 1989.
Das Besondere dieser Bücher: Es sind keine bloßen chronologischen Auflistungen – vielmehr liest man darin im Sinne der „Oral History“ eine Menge Erinnerungen ehemaliger Absolventen an ihre Anfangsjahre und an viele Hochschulgeschichten, an die Bedingungen ihres Arbeitens.

Dreiste Provokation

Allein die Bewerbungsunterlagen von Wim Wenders sind ein Dokument, das die Begeisterung überschwappen lassen könnte: „Da der Amtsschimmel zur Erstellung eines polizeilichen Führungszeugnisses zehn Tage lang reitet, kann ich Ihnen dieses erst in einigen Tagen nachsenden. Ich bitte um Entschuldigung“, tippte er auf ein Blatt und klebte gleich noch den Einlieferungsschein von der Post drauf. Seine Bewerbung schickte er am 24. Juli 1967 ab – er gehörte zu den ersten Studenten, mit denen die Hochschule im Herbst des gleichen Jahres ihren Betrieb aufnahm.
Die Auswahlkommission nahm Wenders schnoddrig-überheblichen Ton im Bewerbungsschreiben wohl nicht übel: Es ging um die Frage „Wie stelle ich mir meine künftige Berufstätigkeit vor?“ Wenders: „Ich stelle sie mir nicht so korrumpierend vor, wie es die Aufgabe ist, einen Aufsatz über obiges Thema zu schreiben. Diese Aufgabe verleitet mich nämlich zu glauben, ich hätte die Vorstellung von meiner künftigen Tätigkeit sowohl vor einer anonymen Auswahlkommission als auch vor mir selbst weitaus imponierender und vor allem klarer erscheinen zu lassen, als das tatsächlich der Fall ist.“ Die Frage der Auswahlkommission: Mehr oder weniger ein Schmarrn, attestierte der Star in spe seinen künftigen Lehrern. Und schließt mit einer fast dreisten Provokation: „Ich würde gern und könnte einen Text schreiben mit dem Thema: ,Wie stelle ich mir mein künftiges Studium vor?’ Ohne Spekulationen.“

Die Wurzeln erforschen

„Die Filme der HFF München (1967 – 2009)“ heißt das Forschungsprojekt, das ebenso wie die gleichnamige Buchreihe von Michaela Krützen, initiiert wurde; sie ist geschäftsführende Professorin der Abteilung Medienwissenschaft und Herausgeberin der Buchreihe. Judith Früh, Herausgeberin der beiden bisherigen Bände, macht die eigentliche Forschungsarbeit: „Die hier seit Gründung entstandenen Filme zeugen nicht nur von den ersten künstlerischen Versuchen großer Filmschaffender, sie zeugen auch von einer bestimmten Zeit und ihrem jeweiligen Geist.“
Seit 1967 gibt es die Hochschule: Bisher müssen wohl gut 3000 Filme entstanden sein – die Dunkelziffer ist nicht überschlagbar. Bei großen Dichtern freut man sich über jeden noch so beiläufigen Satz, der in jungen Schaffensjahren notiert wurde. Jede noch so flüchtige Skizze eines Malerlehrlings, der später berühmt werden sollte, wird begeistert gesammelt. Wiewohl die Genies selbst ihre frühen Geistes- und Fingerübungen meist gar nicht in die Mappe „für die Nachwelt“ ablegten. Bei ihren Kollegen der vergleichsweise noch jungen Kunstform Film ist das nicht viel anders.
Wer möchte, der vielleicht einmal ein vielfach Prämierter ist, vor allem noch zu Lebzeiten daran erinnert werden, wie holprig er einst die ersten Bilder zum Laufen brachte? Nein, Perlen der Filmkunst würde man ganz sicher nicht in den Dreck treten, wenn man Akademie der Bildenden Künste einfach unter den Tisch fallen lassen würde, urteilt Gabi Kubach fast ein wenig verschämt über ihre „große Naivität“, an die sie sich im Zusammenhang mit dem Vier-Minuten-Film erinnert. Es war nur eine Übungsarbeit mit Studienkollegen – die heute renommierte Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin (Filme unter anderem mit Christine Neubauer, Muriel Baumeister, Francis Fulton-Smith) hatte damals, 1968, an der HFF in München studiert.

Das Bier danach

„Kein Herzblut drin“, wischt auch Filmemacherin und Fernsehjournalistin Claudia Straßmann eine solche Gruppenproduktion über den Tierpark Hellabrunn beiseite: „Aber ich kann mich noch an das Wirtshaus erinnern, wo wir hinterher hingegangen sind.“
Selbst der zum Hollywood-Großmeister avancierte Bernd Eichinger (2011 gestorben) hatte es später nicht nötig, die Lehrjahre zu überhöhen: Die Filme, „die wir damals gemacht haben, waren nie so, dass ich mir dachte: ,Ahhh! Was für ein Film! Was für eine Erleuchtung!’“
Von wegen! Da kokettiert Hannes Meier „am Nullpunkt seines unaufhaltsamen Aufstiegs“ in seinem Bewerbungsschreiben Anno 1967 ganz schön ironisch mit dem Größenwahn: Auf die Frage „Glauben Sie, dass Sie für den Film geeignet sind?“ antwortet er: „Gewiss, ich bin sowohl selbstherrlich, wie auch frivol und destruktiv.“ Und am Ende des fiktiven Interviews mit sich selbst liest man gar: „...letztlich ist jede meiner Aussagen eine Aussage über mich selbst, denn nur durch mich sehe ich die Welt. Le film – c’est moi!“
In diesem Sinne: Natürlich sagt selbst jeder Übungsfilm sehr viel über seine Macher – und die Welt – aus. Was würde man heute für vermutlich verloren gegangene Filmschnipsel geben, die dokumentieren, wie Wim Wenders das Motiv des „Kleinen Bungalows“ entdeckte und erprobte: Der „Kleine Bungalow“ war eine Schwabinger Kneipe und Treffpunkt der Filmstudenten. „In meiner Erinnerung“, sagte der Dokumentarfilmer und heutige HFF-Dozent Heiner Stadler im Zeitzeugengespräch für das HFF-Buch Bilder wilder Jahre über einen Studentenfilm seines ehemaligen Kommilitonen, „spielt der ganze Film von Wim Wenders in diesem kleinen Laden mit dem Flipper und der Musik-Box. Das zitiert er auch in späteren Filmen, etwa in Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten. Darin steht er mit Yamamoto in Paris und spielt eine Runde Billard, während sie sich über Schnitte in Kleidern und Schnitte in Filmen unterhalten, Und das sind Zitate von seinen ganz frühen Filmen aus den 1960ern.“
Es ist ein wahrer Schatz, den es da noch in der HFF zu entdecken und auszuwerten – ja, gewissermaßen auch auszustellen gilt. Denn mit der Recherche, welche Filme die HFF in den fast 50 Jahren ihres Bestehens produziert hat, ist es nicht getan. „Ein Archiv, in dem diese Filme dann tatsächlich gelagert würden, bleibt ein Desiderat“, sagt Michaela Krützen. Unsystematisch und eher willkürlich wurden jahrelang in einem winzigen Raum Regale befüllt, ohne dass sich jemand weiter darum gekümmert hätte. „Zwar wurde der Raum für ein solches Lager im Neubau in weiser Voraussicht geschaffen“, so die Filmwissenschaftlerin Krützen, doch „für die Stelle eines Archivars, der diesen Bestand aufbauen und pflegen könnte, fehlen der Hochschule die Mittel. Ohne Archivar gibt es kein Archiv!“

Abwandern wäre fatal

Mitstreiterin Judith Früh ergänzt: „Mit unserem Wunsch, ein adäquates Filmarchiv aufzubauen, führen wir auch einen Wettlauf mit der Zeit: Die Filmkopien altern zusehends, und die Möglichkeiten der Digitalisierung der analogen Filme schwinden im selben Maße wie die Kopierwerke. Die ARRI ist bundesweit eine der letzten Einrichtungen ihrer Art.“
Aber die Mittel fehlen. „Wenn das so bleibt, macht es längerfristig gesehen mehr Sinn, diesen Restbestand ins Bundesfilmarchiv abzugeben. Und so geht es um nicht mehr, als um die Rettung eines Filmerbes, eines Filmerbes, auf das Bayern stolz sein kann“, wirbt Michaela Krützen.

Himmlischer Ort

Diese Abgabe wäre für den Filmstandort Bayern natürlich genauso fatal wie der physische Verlust des Filmmaterials: Man würde seine eigenen Wurzeln ausreißen. Letztlich bindet man mit einem solchen Archiv auch die ohnehin viel zu abwanderungswilligen Filmemacher an München – zumindest indirekt durch ihr Frühwerk. Mit einem professionellen Archiv könnte Bayern damit werben, nicht nur als Produktionsstandort für aktuelle und künftige Filme ein Paradies, sondern auch für die Rückschau ein „himmlischer“ Ort zu sein. Dann würde man zumindest in diesem Punkt Charly Chaplin widerlegen: „Filmemacher sollten bedenken, dass man ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts all ihre Filme wieder vorspielen wird.“ (Karin Dütsch)

Abbildungen (Fotos: HFF)
Aus den Lehrjahren der Prominenz: Standbilder aus Summer in the City, dem Abschlussfilm (1971) von Wim Wenders (Buch und Regie).

Nicht mehr schleichend, sondern rasant geht das Filmmaterial der alten Studentenfilme kaputt. Hier ein Standbild aus First Wave, einem Übungsfilm von Matthias Weiss von 1968.

Die Bücher der HFF:

Judith Früh, Helen Simon (Hg.), Bilder wilder Jahre. Die Filme der HFF München, Band I. Edition text & kritik, 418 S., 39,80 Euro. ISBN 978-3869160665

Judith Früh, Catalina Torres (Hg.) Bilder aus der Zeit dazwischen. Die Filme der HFF München, Band II. Edition text und kritik, 507 Seiten, 39,80 Euro.
ISBN 978-3-86916-263-8

Das Filmschoolfest:

Das Internationale Festival der Filmhochschulen München gehört zu den renommiertesten Festivals für Studentenfilme. Viele heute erfolgreiche Filmemacher waren zu Beginn ihrer Karriere dort, um ihre Werke vorzustellen. Dazu gehören Lars von Trier (Nymphomaniac) und David Yates (Harry Potter) ebenso wie die deutschen Regisseure und ehemaligen HFF-Studenten Florian Henckel von Donnersmarck (Das Leben der Anderen), Caroline Link (Nirgendwo in Afrika) und Sönke Wortmann (Deutschland. Ein Sommermärchen).
Festivalleiterin Diana Iljine ist an einer professionellen Archivierung der HFF-Filme gelegen: „Dass da wahre Schätze dabei sind, zeigen wir jedes Jahr auf dem Festival, wenn wir die neuesten Kurzfilme von jungen Talenten aus der ganzen Welt auf die große Leinwand bringen. Studentenfilme sind zwar vor allem Übungsfilme, aber gerade das Experimentieren mit dem Medium, noch ohne große Zwänge, kann zu spannenden Geschichten und Formen führen.“
Expect the Unexpected schreibt sich das Filmschoolfest Munich (so der neue Kurzname) heuer auf die Fahnen. Unerwartetes kann überall passieren: auf einem chinesischen Hausboot, im Dschungel Osttimors, in fremden Galaxien oder an der sonntäglichen Festtafel. Unerwartete Geschichten entfalten sich um Schleuser, Haarfetischisten und Knetkarotten. Sie handeln von illegalen Grenzübertritten, der Suche nach Unsterblichkeit in der Todeszelle und den Abgründen hinter der perfekten Fassade einer Familie. Von solchen Geschichten erzählen die 46 Kurzfilme, die im Wettbewerb des Festivals laufen. Im internationalen Programm sind 36 Spielfilme, fünf Dokumentarfilme und fünf Animationsfilme aus insgesamt 22 Ländern zu sehen. In diesem Jahr hatten 83 Filmschulen 254 Filme zum Wettbewerb eingereicht. Ausgewählt wurden neben Filmen aus Amerika, Asien und Australien auch die besten Nachwuchsfilme aus 13 europäischen Ländern. Aus Deutschland sind acht Filme von sechs Filmschulen vertreten.

Filmschoolfest: 16. bis 22. November, Filmmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1, statt. Programm: www.filmschoolfest-munich.de

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