Kultur

Unbetiteltes Werk von Franz Hitzler (2010). (Foto: Beer, VG Bild-Kunst)

07.01.2011

Leiden und erneuern

Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst zeigt in ihrer Galerie Arbeiten von Franz Hitzler

Abgrund und Transzendenz lautet der (schon 2002 formulierte) Titel einer Ausstellung mit Bildern und Keramiken des 65-jährigen Franz Hitzler in der Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst in München. Abgrund und Transzendenz? Tatsächlich begegnen dem Besucher zunächst abgründige Gemälde der 70er und 80er Jahre: Elektrisiert-fluoreszierende Fratzen und Schreckgespenster auf dunklem, undefinierbarem Grund thematisieren existenzielle Grundängste, ja Verzweiflung.
Dann folgen die hell und farbenfroh aufleuchtenden Acrylbilder von 2008/2010: gelbgrundig, zum Teil in Kreuzform beziehungsweise mit Kreuzapplikation. Sie lähmen nicht mehr, sondern vermitteln – fast rauschhaft-euphorisch – Leben („Lebendigkeit“), Befreiung; sie sind vom „Lichtstrahl der Erkenntnis“ (so Wilhelm Warning in seiner Einführungsrede zum Ausstellungsbeginn) erhellt – auch wenn Restschatten bleiben. Dazwischen – unentschieden – das jeglichen Rahmen sprengende Kreuz von 1985, ein ebensolches, rotgrundiges Gebilde aus drei Leinwänden und ein blaugrundiges Triptychon, beide 2010 eigens für diese Ausstellung geschaffen.

Klaffende Wunden

Den zu dominanten Farbräumen aufgewerteten Hintergründen, in welche die einzelnen Motive verstrickt bzw. eingeschlossen sind oder vor denen sie zu schweben scheinen, kommt in all diesen Werken eine tragende Bedeutung zu. Das zuletzt genannte blaugrundige Triptychon weist zudem Schnitte auf, Verletzungen, wie schon bei einem dunkelgrundigen Dreierbild von 1982. Während sie bei diesem einzeln, lanzettförmig klaffend, zum eigentlichen Bildthema erhoben sind und auch Aggressivität bekunden, fallen sie beim Triptychon aus dem Jahr 2010 auf den ersten Blick unter den vielen geometrisierenden oder abstrakten Formen gar nicht auf. Erst auf den zweiten Blick und bei näherem Hinsehen entdeckt man unvermutet die durch Seile wie bei einer Operation gewaltsam offen gehaltene Wunde.
Was hierin den Künstler – seinem Bekunden nach – als Befreiung anmutet, ruft im Betrachter Betroffenheit hervor. Diese selbstkritische Reflexion des Künstlers, das Offenlegen seines Innersten, sein mutig-demütiges Hinabsteigen ins Dunkel des eigenen Seins dient zum einem der Bewältigung, Aufarbeitung der schrecklichen Erfahrungen seiner Kindheit , die von Prügeln „bis zur Auslöschung meiner Existenz“ (Hitzler) geprägt war und der er im Alter von 15 Jahren im wahrsten Sinn des Wortes entfliehen konnte.
Zum andern ergibt sich daraus exemplarisch die allgemein menschliche Erfahrung eines immer wieder zur Erneuerung notwendigen Leidensprozesses. Beides prädestiniert diese Gemälde nicht gerade zur Förderung von Wohlbehagen und Wohnzimmergemütlichkeit. Durch die in Aussicht gestellte „Gnadenerfahrung“ erhalten jedoch Hitzlers eigenwillig-expressive Werke nicht nur eine Sehnsuchts-, sondern auch eine (religiöse) Heilsdimension.
Parallel hierzu ist in der Ausstellung eine Auswahl von farbenfrohen Keramikobjekten aus den Jahren 2007 bis 2010 zu sehen, die einen zweiten therapeutischen Schaffensschwerpunkt Hitzlers bilden, seitdem er regelmäßig den alten Keramikort Albisola in Ligurien aufsucht. Er verformt entweder gedrehte Gefäße im Rohzustand zu freien Skulpturen oder bildet aus Ton direkt individuelle Wesen, die durch Farbe Leben bekommen. (Lothar Altmann)

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