Kultur

29.01.2010

Liebeswirren unter lauter Mafiosi

Jan Philipp Glogers perfekte Inszenierung von „Viel Lärm um nichts“ am Münchner Residenztheater

Am Anfang steht ein beklemmendes Bild: Im Dämmerlicht laden drei maskierte Anzugträger klickend ihre Schießeisen durch, während ein vierter Dunkelmann gefesselt und mit Kapuze überm Kopf daneben steht. Findet hier eine Hinrichtung statt? Der Schrecken löst sich schnell in Wohlgefallen auf, denn die Szenerie wandelt sich in einen noblen Stehempfang, wo ein Ober mit versteinertem Gesicht Sekt und Grissini anbietet, während ölige Yuppies und ältere Herren, die gerade der Business Class entstiegen scheinen, Höflichkeiten austauschen. Dieses gepflegte Wechselbad der Gefühle setzt sich dann fort an diesem hinreißenden Theater-Abend, an dem einfach alles stimmt: Präzise, klar, rasant und stringent schnurrt Shakespeares "Viel Lärm um nichts" über die Bühne des Münchner Residenztheaters, so als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, diesen Klassiker um Liebeswirren und Intrigen als Standup-Comedy mit philosophischem Mehrwert zu präsentieren. Jan Philipp Gloger verlegt die Komödie aus Adelskreisen ins Mafia-Milieu. Das scheint zwar naheliegend bei einer Geschichte, die auf Sizilien spielt, aber trotzdem ist es erstaunlich, wie vollkommen dieser Kurzschluss aufgeht. Die Paten in Nadelstreifen-Anzügen (Ulrich Beseler, Alfred Kleinheinz) und die heißblütigen jungen Latin Lover (Andreas Christ, Stefan Wilkening) tragen alle großkalibrige Knarren im Schulterholster unterm Sakko, und manchmal ballern sie auch lautstark damit rum, wenn sie nicht gerade ein schnulziges Amore-Karaoke aufführen.Trotzdem hat es Gloger gekonnt vermieden, die Aufführung in eine billige Al-Capone-Satire abrutschen zu lassen. Weil er im Kontrast zur Milieu-Verschiebung den Originaltext (samt einiger witziger aktueller Ergänzungen) gestochen scharf vorführt, gelingt es ihm, das Stück genau in der Schwebe zwischen geistreicher Konversations-Groteske und abgründiger Verrats-Geschichte zu halten, die es zum lupenreinen Shakespeare macht. Letztlich sind dessen Stücke ohnehin nie etwas anderes als intellektuelle Gangsterstories.

(Alexander Altmann)

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