Kultur

Für Knut Weber ist das Theater eine der letzten Bastionen der Wertedebatte. Sein Theater bewegt sich an der Grenze zwischen Bühnen- und Alltagswirklichkeit. (Foto: Jochen Klenk)

29.06.2012

Lust am Debattieren

Das Theater Ingolstadt schraubt an Sehgewohnheiten

Zuletzt fetzt Ferdinand Raimunds Märchen-Singspiel Das Mädchen aus der Feenwelt oder der Bauer als Millionär über die Freilicht-Bühne im Turm Baur: Reine Unterhaltung, nach einer packenden, in seinem Inszenierungsrhythmus atemberaubenden Saison am Stadttheater Ingolstadt. Knut Weber, der neue Intendant, hat, aus Karlsruhe kommend, wo er Schauspieldirektor war, aufbauen können auf der Arbeit seines Vorgängers Peter Rein. Der hat die Schwellen ohnehin niedrig gelegt, dem Haus jeglichen elitären Geruch der Hochkultur genommen durch Inszenierungen wie Friedrich Schillers Räuber mit Livemusik der Gruppe „Bonfire“: eine sensationelle Mischung aus Sturm und Drang und Hardrock.
Knut Weber ist auf diesem Weg weiter gegangen, hat das Haus noch mehr geöffnet und noch mehr Publikum unter die Fittiche genommen: Mit einem Kennenlernabend als Brotzeit-Brettl – fürs Lukullische sorgten die Besucher. Mit über die Stadt verteilten neuen Spielorten – man bespielte Wirtshäuser und Kasematten. Mit einem eigenen Haus für das Kinder- und Jugendtheater. Mit Theaterplakaten allerorten, auf denen Zitate aus den gezeigten Stücken Neugier weckten. Und vor allem mischte sich das Theater ein in den gesellschaftlichen Diskurs: Weber bezeichnet das Theater als „eine der letzten Bastionen der Wertedebatte“.
Ein Beispiel: die Inszenierung von Alfred Jarrys König Ubu, Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Budapester Theater KOMA. Es ging um die Wiedergabe des Totalitären im Gewand des Absurden, erweitert durch Ubus Prozess von Simon Stephens, ein Beitrag, der sich auf der Basis des zuvor gezeigten Stücks der juristischen Aufarbeitung von Staatsverbrechen widmet, einen Klassiker ins Heute übersetzt. Zugleich wiesen die Theaterleute auf aktuelle Tendenzen in Ungarn hin, deren Vektoren in die Richtung eben jenes soeben dargestellten Totalitarismus weisen. Ein ganzheitlicher Ansatz.
Diese Lust an der Debatte, aber auch am Erzählen von Geschichten ergab eine muntere Spielzeit unter dem Titel „Fremde Heimat“. Einige Spieler und Inszenierungen brachte Weber aus Karlsruhe mit, so eine umschwärmte Version von Georg Büchners Woyzeck in der Bearbeitung von Tom Waits und Robert Wilson, und eine kluge Einrichtung von Elfriede Jelineks Winterreise. Dazu der Versuch von Regisseurin Johanna Schall, aus Shakespeares Wintermärchen so etwas wie eine Party zu machen und eine wiederum märchenhafte Musical-Version von Pinoccio in einer Inszenierung von Jochen Schölch.
Aus diesem Kaleidoskop ergab sich allmählich ein klares Bild: Man schraubt hier an Sehgewohnheiten. Man befindet sich in Ingolstadt derzeit häufiger an der Grenze zwischen Bühnen- und Alltagswirklichkeit als anderswo.
Das Stück Nichts. Was im Leben wichtig ist für Kinder ab 14 Jahren war umstritten, weil krass: Schüler opfern auf einem „Berg der Bedeutung“ Dinge, die für sie besonders bedeutend sind, um einem Schulfreund zu zeigen, dass das Leben Wert hat. Zunehmend eskaliert dieses Ritual, was geopfert wird, provoziert: die Unschuld eines Mädchens, der Finger des Schul-Gitarristen. Und das reicht am Ende immer noch nicht.
Solche Themen werden theaterpädagogisch vor- und nachbereitet. Auch Inszenierungen im Großen Haus boten gern einmal Anlass zu verschärfter Grübelei, etwa die deutschsprachige Erstaufführung von Angerichtet: ein Horror-Kammerspiel um das Entstehen von Gewalt und rechtsradikalen Gedankentums im Wurzelgeflecht bürgerlicher Vorurteile.
Einige dieser Produktionen werden im nächsten Jahr wieder aufgenommen. Motto ab dem 28. September: „Rasender Stillstand“. (Christian Muggenthaler)

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