Kultur

So, wie es für viele Selfmade-Themen gefällige Ratgeber gibt, soll es bald auch für Künstler ein Magazin geben. Kitti & Joy entwickeln es und verraten, dass es voller „wahnsinnig tollem Lifestyle“ sein wird. Wer die beiden kennt, ahnt, dass darin auch hintergründige Galligkeit geboten wird. (Foto: Dominik Bindl)

24.11.2017

Lust an der List

Das Münchner Duo Kitti & Joy erhält den „zwei:eins“-Kunstpreis für ein außergewöhnliches Boulevardmagazin

400 Millionen Dollar für ein Werk, wie jüngst für ein da- Vinci-Bild bezahlt wurde: Das bleibt für lebende Künstler Utopie. Aber wie schaffen sie es, von ihrer Kunst wenig- stens die Miete zu bezahlen? Oder gar noch ein bisschen was auf die hohe Kante zu legen? Schlag nach bei Kitti & Joy, möchte man raten. Die beiden produzieren ein ansprechendes Magazin für Künstler in spe.

Mann, muss ich gut sein! Ich gehöre zur elitären Handvoll, die Aufnahme in den „Tempel“, in die Kunstakademie gefunden hat. Jetzt bin ich Künstler!

„Solches Denken hört schnell auf, die meisten ereilt bald eine Sinnkrise. Erst allmählich wächst wieder das Selbstbewusstsein“: Kitti sagt das als Insiderin – sie hat vor wenigen Monaten die Akademie der Bildenden Künste in München verlassen. Ist sie mit der Abschlussurkunde in der Hand Künstlerin? „Die wird man durchs Tun“, sagt sie – oder war das doch Joy, ihre Partnerin des Münchner Künstlerduos Kitti & Joy, die zeitgleich die akademischen Würden erhalten hat?

Wie im eloquenten Pingpong geht es zwischen den beiden hin und her, in überraschender Einigkeit. Man argwöhnt: Gestalten sie das Gespräch über ihre Arbeit als kalkulierte Performance? Dafür sind die beiden nämlich inzwischen über München hinaus bekannt. Und natürlich sind sie Künstlerinnen: getrennt unter anderen Namen, als Duo Kitti & Joy – und mit selbst entworfener Kleidung, die sie selbstverständlich selbst tragen und bei ihren Kunstaktionen verkaufen. „Jeder Star hat sein eigenes Label.“

Was Kitti & Joy (der Einfachheit halber und weil sie selbst ihre Duo-Existenz in den Vordergrund stellen, folgt der Verzicht auf die Zuweisung von Zitaten) übers Künstlerwerden lapidar sagen, bietet Stoff für nie endende Diskussionen. Aber aller philosophierenden Tiefschürferei zum Trotz sind die einfachsten Fragen, die sich jeder Künstlereleve stellt, solche: Warum haben die anderen Erfolg, haben „ihren“ Galeristen, machen große Ausstellungen – und „dicke Kohle“? Was haben die, das ich nicht habe? Wie kriegt die Welt mit, dass auch ich tolle Kunst mache – und davon leben möchte?

Do-it-yourself-Karrieren

Das Genie im Elfenbeinturm funktioniert nicht – heute mehr denn je erfordert es Kreativität, sich im Kunstbetrieb zu behaupten und auf dem Kunstmarkt Erfolg zu haben. Akademiekurse in Sachen Kunstmanagement bieten allenfalls ein Hineinschnuppern – auch beim Kunstgeschäft ist Learning by Doing angesagt.

Und wie man heute für jegliches Do-it-yourself-Thema einen Ratgeber in Form eines gefälligen Boulevardmagazins entdeckt, so wird es demnächst einen solchen auch für angehende Künstlerkarrieristen geben – von Kitti & Joy für die „Generation unterwegs“, die eine Gazette in gefälliger Oberflächlichkeit sich eher „reinzieht“ als einen weisen Schmöker, wie sie sagen. Das Magazin solle so richtig voller „wahnsinnig tollem Lifestyle“ sein, versprechen sie. Und voller hintergründiger Galligkeit, möchte man vermuten. Kitti & Joy sprühen nämlich vor Lust an der Täuschungslist.

Das fängt bei ihrer Selbstinszenierung als Duo an: Geradezu krass zelebrieren sie Klischees – optisch ebenso wie im Umgang miteinander, in der Rollenverteilung. Sind sie nun privat, oder nicht ...? Ob sie wirklich jede Stunde miteinander telefonieren, wie Joy (diesmal war es eindeutig sie) ernsthaft sagt?

Wie die Falle zuschnappt

Irgendwie hat man das Gefühl, den beiden auf den Leim zu gehen – respektive man entdeckt erschreckend, dass in einem selbst auch so ein von Vorurteilen und billigen Gemeinplätzen vollgefressener innerer Schweinehund lauert. Dem verpasst man besser schnell einen Maulkorb – bei Kitti & Joy ist alles nicht so, wie es scheint, kriegt man in Häppchenweise raus. Allmählich macht es regelrecht Spaß, so mitspielen zu dürfen/zu müssen – also ist das zwanglos bei Kaffee und heißer Zitrone vereinbarte Treffen doch eine raffinierte Performance, beschließt man für sich.

Vermutlich wird so ähnlich die Falle zuschnappen, die Kitti & Joy mit ihrem Magazin legen wollen: Aus der kommt man vielleicht mit ein paar Schrammen, aber erkenntnisreicher heraus. Beobachten, erkennen, verändern lautet auch ihr Selbstanspruch, und „natürlich haben wir Sendungsbewusstsein“. Ihr Publikum bei Performances ebenso wie die künftigen Leser ihres Magazins sollen auch diesen Prozess mitmachen.
Mit dem Magazin gehe es ihnen ums Entlarven und Hinterfragen von Klischees, Ritualen, Tabus und Absurditäten auf dem Kunstmarkt. In die Karten respektive Seiten lassen sie sich jetzt noch nicht schauen, die sind auch noch gar nicht fertig: Das Magazin wird es erst in zirka eineinhalb Jahren geben.

Sie verraten nur so viel: Ein Schwerpunkt werden die „Dos and Don’ts“ sein. Wie inszeniert man sich als Künstler? Was zieht man an? Wie gibt man sich auf Vernissagen? Darf man da selbst was trinken oder nur den Gästen beim Proseccoschlürfen zugucken? Wie arrangiert man sich mit anderen in einem kreativen Netzwerk, in dem man sich gleichzeitig als Konkurrenten auszustechen versucht? In welchen Städten ist es ein Muss, mal ausgestellt zu haben?

Im Stil so oberflächlich, unreflektiert, sinnentleert und zusammenhanglos, aber in der Summe so unterhaltsam wie neueste Diät-trends in Frauenzeitschriften soll das alles rüberkommen: „Da hat man ja auch das Gefühl, schon was getan zu haben und abzunehmen, nur wenn man die banalen Tipps liest.“ In der „Konsum-, Produkt- und Lebenswelt der Mittelklasse, in Mainstream und Popkultur und Werbung“ seien die Wurzeln ihres künstlerischen Tuns zu suchen, charakterisieren sie, was auch die Erarbeitung des Magazins betrifft.

Hinter seichter Gefälligkeit soll es aber ebenso ums knallharte Geschäft gehen: Was muss ich tun, um von meiner Kunst leben zu können? Das Kalkulieren gehöre zur Selbsteinschätzung, was man als Künstler wert sei, sagen Kitti & Joy und erwähnen beispielhaft all die – eben auch ökonomisch gesehen – „kostbare“ Zeit, die sie investieren, um Flyer, Programme, Broschüren oder Förderanträge zu verfassen. Realistischerweise sollte man sich mehrere Jobs und Einkommensquellen überlegen – Kitti & Joy haben sie auch.

Hype oder Ruin

Wenn sie über den „zweiten Kunstmarkt“ sprechen, ist restlos Schluss mit lustig: „Man muss sich fragen, ob es wirklich schlau ist, sich den Bedingungen der Galerien auszuliefern. Da kann die Kunst zwar innerhalb von zwei Jahren um 300 Prozent im Preis steigen. Aber wenn der Käufer seine Geldanlage weiter veräußern möchte und nicht mal mehr seinen Einsatz rausholt, ist es schnell mit dem Hype vorbei, ist die Abwärtsspirale in Gang gesetzt und man ist für den Kunstmarkt nichts mehr wert, ist ruiniert.“

Die Alternative klingt „nachhaltig“: „Man baut sich über viele Jahre seinen treuen Stamm an Interessenten und Kunden auf.“ Der Kreis schließt sich: Wie kommt man an seine Kunden, wie erfährt die Welt vom künstlerischen Genius?

„Aufmerksamkeit ist auf dem Kunstmarkt eine harte Währung geworden“, sagt Mon Muellerschoen, „Performances sind ein heute oft erfolgreiches Mittel, bekannt zu werden.“ Sie erwähnt den Star der Szene, Marina Abramovic, und lobt im gleichen Moment Kitti & Joy: „Die beiden haben einen schlauen Weg in die Öffentlichkeit eingeschlagen. Subtil erfährt man durch ihre Performances von ihren anderen künstlerischen Arbeiten, und da zeigen sie großes Potenzial.“

Das klingt nach Adelung: Mon Muellerschoen ist nämlich nicht irgendeine Kunsthistorikerin, sondern eine der bekanntesten Kunstmanagerinnen Deutschlands: Sie berät Sammler, private ebenso wie Konzernprominenz. Wie sind Kitti & Joy in ihr Blickfeld geraten? „Sie haben mich gefragt, ob ich ihnen etwas über den Kunstmarkt erzähle. Vor allem haben sie mir ihr Magazinprojekt vorgestellt. Das ist eine ganz großartige Idee. Nicht nur die Künstler, auch junge Kunsthistoriker haben ja so viele Fragen, wie der Kunstmarkt funktioniert. Wie hätte ich mich früher gefreut, so etwas Einschlägiges zur Praxis in die Hand zu bekommen, wie es das Magazin werden wird.“

Der Funke zwischen ihr, Kitti & Joy war schnell entzündet: „Ich finde es prinzipiell wichtig, den Künstlernachwuchs zu unterstützen. Zudem tut Solidarität unter Frauen auf dem Kunstmarkt gut.“

2:1-Preis fürs Trio

Beim Magazinprojekt ist aus dem Duo also quasi ein Trio geworden. Und das wiederum ist eine solch bemerkenswerte Kooperation, dass sie ins Visier der Jury von „zwei:eins – Münchner Preis für Kunst“ geriet: Dieser würdigt interdisziplinäre Zusammenarbeit. Er wird zum dritten Mal vergeben von rund 30 namhaften Vertretern der Müncher Kunstszene unter dem Label von SoNet – Soziales Netzwerk München e.V., einem lokalen Dachverband für Stiftungen und gemeinnützige Organisationen. Kitti & Joy erhalten den Preis am 29. November. Mit der Preissumme (12 000 Euro) und den Netzwerkmitgliedern als ideelle Ansprechpartner im Rücken haben sie 18 Monate Zeit für die Entwicklung des Magazins. (Karin Dütsch)

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