Kultur

08.01.2010

Lyrik und Langeweile

Tschaikowskys „Eugen Onegin“ am Theater Regensburg

Die Moskauer Metro: Ein Ort für Protz und Pomp. Aber auch für Puschkin? Inmitten des Fahrgastgewimmels träumt sich eine junge Frau zurück aufs Land, in die Zeit vor der Revolution, liest sich hinein in die „Lyrischen Szenen“ des "Eugen Onegin". So inszeniert Jiri Nekvasil – noch bevor das Orchester einsetzt – den Anfang von Peter Tschaikowskys Oper am Theater Regensburg. Wenn die U-Bahn abgefahren und das Gedränge vorbei ist, bevölkern die Leute von Larinas Landgut die Bühne. Und weil es nur ein Traum ist, sind sie alle in Weiß gekleidet. Die beiden Alten mit ihren Einkaufstüten haben sich in Gutsherrin und Amme verwandelt, und es fährt nicht die U-Bahn ein, sondern die Kutsche von Onegin und Lenski. Aber das war’s dann auch schon an Regieeinfällen. Tragfähig ist diese Basis höchstens bis zur Pause, und man muss brav mitträumen wollen, wenn aus der SMS, die Tatjana in ihrer „Briefszene“ an Onegin tippt, in dessen Hand ein richtiger Brief geworden ist. Aus dem Bahnhof von Daniel Dvoráks Bühnenbild lässt sich mit Licht und Projektionen eine einigermaßen glaubhafte ländliche Idylle zaubern, hart ist Tatjanas steinernes Bett, aber prächtig schimmern die Kronleuchter zu ihrem Namenstag. Als da der alte Triquet sein Glückwunsch-Couplet vorträgt, ist auch die Hauptperson aus Minirock und Stiefelchen ins weiße Traum-Ballkleid geschlüpft. Was noch? Herzlich wenig: außer wie immer der Chor in einer schrecklich biederen Choreografie von Sara Leimgruber, eine einfallslos erstarrte Petersburger Ballgesellschaft bei Gremins, wie im Wunschkonzert abgelieferte Arie und der Showdown zwischen Tatjana und Onegin landet unvermittelt im Heute: Aus der zufälligen U-Bahn-Bekanntschaft konnte keine große Liebe werden. Und aus viel konventionell-unbeholfenem Operngehabe wird in Regensburg keine wirklich logische Lesart des Stücks zwischen der kalten Pracht der Marmorsäulen im Moskauer Untergrund. Alexander Livenson, Regensburgs 1. Kapellmeister, arbeitet die Partitur wie einen Einkaufszettel ab, das Philharmonische Orchester spielt auf einem Niveau, das man am Bismarckplatz nicht gewohnt ist. Dramaturgische Spannung kommt kaum auf, eher zunehmende Langeweile auch im musikalischen Bereich. Daran sind einige Sänger schuld, die bei kaum verständlichem Text in der deutsch gesungenen Aufführung jegliche musikalische Gestaltung vermissen lassen. Besonders der Onegin des steifen Seymur Karimov, der Eifersucht höchstens andeutende Lenski des Enrico Lee, der sich, wo immer es geht, ins Schmetterforte flüchtet. Eindeutig überlegen die Damen: Eine Entdeckung ist Bianca Koch mit einer jugendlich-dramatischen Tatjana ohne Fehl und Tadel, mit einer spielfreudigen Jasmin Etezadzadeh als Olga oder mit der Bühnenerfahrung von Silvia Fichtl als Larina. Berthold Gronwald trägt sein Triquet-Couplet in anrührender Zartheit vor. Schade, dass solche Lyrik in viel Langeweile untergeht. Nicht nur der Onegin auf der Bühne gähnt.

(Uwe Mitsching)

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