Kultur

Sven-Eric Bechtolf: für zwei Jahre Interimsintendant der Salzburger Festspiele. (Foto: dpa)

07.07.2015

Mackie Messer in Salzburg

Festspiele erweitern ihr Portfolio: Erstmals gibt es die "Dreigroschenoper". Und das gleich im Doppelpack: im Original uns als modernisierte Salzburger Version

Wer kennt sie nicht, die Moritat von Mackie Messer oder den berühmten "Kanonensong". Die Evergreens aus der "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus den "Goldenen Zwanzigern" haben bis heute wenig von ihrem etwas spröden Charme verloren. Erstmals steht das Meisterwerk an der Schnittstelle von populärer und ernster Musik in diesem Jahr auch bei den Salzburger Festspielen auf dem Programm. Und zwar gleich im Doppelpack: Als konzertante Aufführung in der Originalversion mit dem Sänger Max Raabe als Unterweltkönig Macheath und zuvor unter dem Titel "Mackie Messer" in einer modernisierten szenischen Version.

Das Opern-Programm der Festspiele, das am Sonntag (26.7.) mit der Premiere von Wolfgang Rihms selten gespielter Oper "Die Eroberung von Mexico" beginnt, verbreitert damit einmal mehr seine künstlerisch-ästhetische Basis. Da ist es nur konsequent, dass Cecilia Bartoli bei ihren Pfingstfestspielen im nächsten Jahr erstmals ein Musical präsentiert: Leonard Bernsteins "West Side Story". Der Musicalklassiker wird dann auch vom Sommerfestival übernommen.

Von einer zunehmenden Popularisierung will der Interims-Intendant nichts hören

Wenn man von einer zunehmenden Popularisierung der Festspiele spricht, reagiert Sven-Eric Bechtolf etwas gereizt. "Dass sich Werke durchsetzen, beim Publikum durchsetzen, ist nicht zwangsläufig ein Zeichen ihrer Minderwertigkeit", sagt der bisherige Schauspielchef der Festspiele, der für zwei Jahre als Interimsintendant agiert. "Warum hat Bernstein wohl die "West Side Story" gemacht? Er hatte den leidenschaftlichen Wunsch, zeitgenössisches Musiktheater zu schreiben. Auch Mozarts "Zauberflöte" verdankt sich nicht dem Versuch, das Publikum abzuschrecken."

In den vergangenen Jahren ist das Spektrum eines der weltgrößten Musik- und Theaterfestivals immer breiter geworden. Zwar sind Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Strauss immer noch die "Hausgötter", zwar wird wie eh und je auf dem Domplatz der "Jedermann" von Festspiel-Mitgründer Hugo von Hofmannsthal zelebriert. Doch daneben hat sich die zeitgenössische Musik einen prominenten Platz im Repertoire erobert.

Auch die Bevölkerung kann an dem Festival mit seinen immer noch stattlichen Eintrittspreisen teilhaben: Das Eröffnungsfest in der Salzburger Altstadt (18.7.) zieht jedes Jahr Zehntausende an. Auch die kostenlosen Festspielnächte mit aktuellen und historischen Festspielproduktionen auf der Großleinwand sind überaus beliebt. All diese Aktivitäten zielen darauf ab, die Relevanz der Festspiele für alle Bürger - und nicht nur die Betuchten - zu betonen.

Die "Dreigroschenoper" mag populär sein, seicht ist sie nicht

Die "Dreigroschenoper" mag populär sein, seicht ist sie nicht. Das gilt nicht nur für ihre politische Botschaft, etwa Macheath' Frage, was denn schon der Einbruch in eine Bank im Vergleich zur Gründung einer Bank sei. Die ist spätestens seit der Finanzkrise aktueller denn je. Das gilt auch für die Form, jene süffige Mischung aus Jazz, Tango, Blues und Jahrmarktsmusik sowie ironischen Verweisen auf die Opern- und Operettengeschichte, die gar nicht so weit entfernt ist sowohl von der "Zauberflöte" wie vom aanspruchsvollen "Kunst"-Musical abseits der fast auf industrielle Weise produzierenden Musicaltheater.

Dass man sich in Salzburg an eine modernisierte Fassung der "Dreigroschenoper" macht, ist ein Wagnis. Das betrifft freilich nur die Songs. Der britische Komponist und Arrangeur Martin Lowe hat es übernommen, sie musikalisch neu zu fassen. Er war schon verantwortlich für die Musik zur erfolgreichen Neuinszenierung des "Jedermann" von 2013. "Altes neu zu hören, das ist doch schön", verteidigt Bechtolf das Projekt. "Stellen Sie sich vor, wir würden heute noch auf der Bühne sprechen wie Kainz oder Moissi - da würden selbst Reaktionäre wie ich davonlaufen." Und es gebe ja nicht nur Ohrwürmer. "Ich kenne niemanden, der die Partitur zur Gänze pfeifen könnte - und der Zeitgeschmack steht dabei ohnedies nicht im Vordergrund." (Georg Etscheit, dpa)

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