Kultur

Fröhliche Parade: "Hurra, Josephine ist da!", freute sich Dorothea Stefula über eine Enkelin. (Foto: Galerie)

17.01.2014

Magische Charaden

Gemeinsam und doch getrennt: Prien am Chiemsee widmet dem Ehepaar Stefula eine Ausstellung

Mit ihren jeweils hundertsten Geburtstagen bedienen sie das alte wie das neue Jahr: Nicht nur deshalb sind jetzt Dorothea (1914 bis 1997) und György Stefula (1913 bis 1999) das aktuelle Thema einer umfangreichen Ausstellung im Alten Rathaus Prien. Schon an den Vornamen der beiden sind die verschiedenen Wurzeln, Deutschland und Ungarn, abzulesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind sie an den Chiemsee gezogen, Ende der Neunzigerjahre dort gestorben. Dort mag das gemütliche Landhaus zu ihrer Traumwelt geworden sein – dort haben sie ihre Bilder, Buchillustrationen, Bühnenausstattungen (1955 auch für die Bayerische Staatsoper) geschaffen.
Irgendwie sind ihre Bilder auch Fortsetzungen der traditionellen Chiemseemalerei, wie sie das Priener Heimatmuseum gerade gezeigt hat: Aber mit den Zügen der naiven Malerei, in der Fortsetzung des Zöllners Henri Rousseau und mit durchaus verschiedenen Schwerpunkten. Die märchenhaft verträumte Landschaft des Chiemsees, das Schloss des „Traumkönigs“, das oft unwirkliche Licht: Das alles muss die Stefulas genauso fasziniert haben wie ihre Vorgänger im 19. Jahrhundert.
Aber die Chiemseelandschaft abmalen, das war die Sache der beiden Stefulas nicht: Beide erzählen ihre Themen in einem magisch veränderten Realismus, in dem vor altmodischen Hintergründen die Figuren seltsam steif und unverwandten Blicks posieren: Mensch und Tier, Gärten und Häuser schauen wie auf alten Fotos direkt in die Linse des Malers, Dorothea Stefula zumal drappiert äußerst detailreich feine Spitzenkrägen, Schultertücher, tüllweiße Vorhänge. Selbst Györgys Akte nehmen diese Haltung zum Betrachter ein: mit ihren kugelrunden Brüsten, der makellos milchweißen Haut.
Die große Alpenkulisse, die Wolkengebirge, die für die Chiemseemalerei typisch sind, waren keine Motive der Stefulas: Er stellt seine Akte in geradlinig-grüne Dschungel, sie versammelt ihre „nature morte“ in einem Sammelsurium von Geschirr und zwischen ihren Lieblingsblumen Stiefmütterchen gebündelt in steifer Kinderhand. Früchte, Vögel, ein Würfel dazu – oder auch mit einem Stück Presssack auf trocknem Brot und mit einem Medaillon vom „Kini“ daneben: Das gibt schöne Charaden von magischen Gegenständen.
Und das ist bewusst biedermeierlich – und kommt einem doch verfremdet vor, fast fotorealistisch im Detail – und doch märchenhaft verträumt in der Komposition: Das mit Stecknadeln angeheftete Bild der weinenden Mutter, der die Porzellankanne gleich daneben Trost spendet.

Blick nach Frankreich

Zu Dorothea und György Stefula lässt sich auch ein Kapitel in der Geschichte von Künstlerehepaaren erzählen: Ach wenn beide sich „Traumwelten“ widmeten, so doch mit verschiedenen Schwerpunkten. Bei ihr der einfallsreich illustrierende Zugriff, den man aus alten Fibeln, Schul- und Kinderbüchern kennt.
Bei ihm der Griff über die kleine Idylle des Heimatortes hinaus nach Frankreich, wo die Enkelkinder leben: Ganz im Stil der naiven Malerei gibt es Szenen aus Arles, das man an den Sarkophagen der Alyscamps erkennt, gerade Architekturlinien aus der Tourraine und immer wieder seine „Eva“: nackt und wie bei Botticelli ohne jede Spur von Laszivem.
Nie haben die beiden Künstler einander gestört, wenn sie in ihren Ateliers malten – immer aber wiederholt sich ihre konkrete Umgebung von weißen Tüllgardinen, einer veritablen Puppenstubenküche, von Kronleuchtern und vielen Büchern auf den Bildern, auch das verwunschene Grundstück, das sie vom realen Chiemsee in die Welt ihrer Fantasie transponiert haben. Glück, das bedeutete für die Stefulas Trauer und Trost, Menschen und Tiere und besonders ihre Enkelkinder.
(Uwe Mitsching)

Bis 16. Februar. Galerie im Alten Rathaus, Alte Rathausstraße 22,
83209 Prien am Chiemsee. Di. bis So. 14 – 17 Uhr. www.galerie-prien.de

Abbildung (Foto: Galerie)
György Stefulas Eva (1964, Ausschnitt) steht im Dschungel und nicht in der typischen Chiemseelandschaft.

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